Viele Menschen kennen das Phänomen: Schon der Glaube an eine Behandlung kann Symptome lindern – ganz ohne aktive Substanzen.
Was ist der Placebo-Effekt?
Ein Placebo ist ein Scheinmedikament, das wie ein echtes Arzneimittel aussieht, aber keinen pharmakologischen Wirkstoff enthält. Trotzdem berichten viele Betroffene über Schmerzlinderung, bessere Stimmung oder andere Verbesserungen.
Wie Placebos im Gehirn wirken
Der Effekt ist messbar: Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) machen den Effekt sichtbar: Sie zeigen, wie Hirnareale, die Schmerz und Emotionen verarbeiten, sich verändern. Auch Herzfrequenz oder Hormonspiegel können sich verändern – ohne dass ein Wirkstoff beteiligt ist.
Positive Erwartungen aktivieren Selbstheilungskräfte
Eine Tablette ist mehr als nur ihr chemischer Inhalt, sie steht auch für: "Jetzt wird mir geholfen." Diese Erwartung kann körpereigene Mechanismen anstoßen, etwa die Ausschüttung von Endorphinen, Opioiden oder Dopamin. Studien belegen, dass sogar offen deklarierte Placebos (also Patienten wissen, dass es ein Placebo ist) wirken können, wenn der Behandlungsrahmen positiv gestaltet ist. Der Körper reagiert, weil er gelernt hat, bestimmte Reize mit Heilung zu verbinden.
Arzt-Patienten-Gespräch verstärkt Placebo-Effekte
Wie wirksam ein Placebo ist, hängt auch von der Kommunikation im Behandlungszimmer ab. Freundlichkeit, Empathie und eine klare, zuversichtliche Sprache steigern das Vertrauen und damit die Wirkung. Ärztinnen und Ärzte, die überzeugt von einer Therapie sprechen, beeinflussen die Erwartungshaltung – unabhängig vom Präparat.
Rituale und äußerer Rahmen
Auch äußere Faktoren wirken: Farbe und Form von Tabletten, der Geruch einer Salbe oder ein Infusionsständer im Krankenhaus senden unbewusste Signale. Forschende sprechen vom "Kontext-Effekt" – dem Zusammenspiel aller Faktoren, die Heilungserwartungen fördern.
Placebos gegen Schmerzen
Am besten erforscht sind Placebo-Effekte bei Schmerz. Positive Erwartungen verändern die Schmerzleitung im Gehirn und Rückenmark, sodass weniger Schmerzimpulse das Gehirn erreichen. Körpereigene Botenstoffe aktivieren die natürliche Schmerzbremse und hemmen die Verarbeitung von Schmerzsignalen, sagt Ulrike Bingel, Leiterin des Zentrums für universitäre Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen. Studien zeigen, dass Scheinmedikamente Schmerzen teilweise um über die Hälfte herunterfahren können.
Der Placebo-Effekt ist nicht auf Schmerztherapie oder Psychiatrie beschränkt. Er spielt auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Reizdarmsyndrom oder Migräne eine Rolle, ist jedoch hier weniger umfassend erforscht. In klinischen Studien dient er als Vergleichsmaßstab: Ein neues Medikament muss besser wirken als ein Placebo, um als wirksam zu gelten. Dabei ist oft überraschend, wie stark die Scheinmedikation abschneidet.
Grenzen der Placebo-Wirkung
Allerdings stoßen Placebos dort an ihre Grenzen, wo klare körperliche Ursachen vorliegen, die einer gezielten Behandlung bedürfen – etwa bei Infektionen, Verletzungen oder chronischen Erkrankungen. In solchen Fällen ersetzen Placebos keine medizinische Therapie, sondern können allenfalls ergänzend wirken: "Wenn Sie eine Trümmerfraktur von ihrem Unterschenkel haben, dann muss der Chirurg das erstmal richten. Und dann kann der Knochen zusammenheilen", sagt Bingel.
Auch Scheinoperationen können wirken
Der Placebo-Effekt beschränkt sich nicht auf Tabletten. In einer US-Studie (NEJM, 2002) zu leichter Knie-Arthrose operierte der Orthopäde Bruce Moseley zwei Drittel seiner 180 Patienten. Bei den anderen setzte er nur Hautschnitte. Das erstaunliche Ergebnis: Nach zwei Jahren waren 90 Prozent der Patienten beider Gruppen mit der OP zufrieden - unter den Schmerzfreien waren die "Scheinoperierten" sogar in der Überzahl.
Warum der Placebo-Effekt wichtig ist
Der Placebo-Effekt ersetzt keine evidenzbasierte Medizin, zeigt aber, wie stark psychologische Faktoren wirken. Im Alltag könnte man beides kombinieren: wissenschaftlich belegte Therapien und die positiven Effekte von Zeit, Empathie und Aufmerksamkeit. Doch oft fehlt die Vergütung für ausführliche Gespräche – und damit die Chance, Heilungschancen zu steigern.
Wenn Erwartungen schaden: der Nocebo-Effekt
Die Kehrseite des Placebo-Effekts ist der Nocebo-Effekt: Negative Erwartungen können Beschwerden verstärken oder Nebenwirkungen hervorrufen – ebenfalls ohne Wirkstoff. Wer etwa einen Beipackzettel liest und Nebenwirkungen befürchtet, kann diese tatsächlich erleben. Auch hier zeigt sich: Der Kontext zählt – im Guten wie im Schlechten.
Ein gelber Krankenschein mit der Aufschrift Placebo
Die Top-Themen aus Europa - hier klicken!
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!