Soldaten sind zur Kommandoübergabe des Landeskommandos Brandenburg der Bundeswehr im Neuen Lustgarten angetreten.
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Die Bundesregierung setz auf einen freiwilligen Wehrdienst mit Anreizen - zieht das bei jungen Menschen?
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Anreize für Wehrdienst: Überzeugt das junge Menschen?

Anreize für Wehrdienst: Überzeugt das junge Menschen?

Kostenloser Führerschein, 2.300 Euro Netto-Gehalt, Sprachkurse – mit solchen Anreizen will die Bundesregierung junge Menschen motivieren, freiwillig zur Bundeswehr zu gehen. Ist das genug, um die junge Generation zu überzeugen?

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Der Wehrdienst soll attraktiver werden: Auf diese Weise möchte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) junge Menschen motivieren, zur Bundeswehr zu gehen. In dieser Woche brachte das Bundeskabinett das Gesetz zur Einführung des neuen Wehrdienstes auf den Weg: Freiwillig soll er erstmal bleiben – aber attraktiver werden. Höheres Nettogehalt und Vergünstigungen sollen junge Menschen für den Dienst motivieren – aber lassen sie sich auf diese Weise überzeugen?

Führerschein und Nettogehalt: Diese Anreize sind bislang geplant

Gelockt werden soll in erster Linie mit Geld: Auf BR-Anfrage schreibt das Verteidigungsministerium, dass das Gehalt der "neuen" Wehrdienstleistenden ansteigen soll. Das Einstiegsgehalt soll dann bei 2.700 Euro brutto liegen – 800 Euro höher als bei den aktuellen Wehrdienstleistenden. Außerdem bekommen neue Wehrdienstleistende direkt den Status Soldat auf Zeit, was zum Beispiel Benefits wie Berufsförderung, diverse Fürsorgeleistungen und Nachversicherung in der Rentenkasse mit sich zieht. Der Führerschein soll bezuschusst werden sowie Sprachkurse und Sportcamps.

Auch andere Länder arbeiten mit Anreizen, um Menschen freiwillig in den Wehrdienst zu bekommen: In Estland gibt es beispielsweise Zuschüsse zum Führerschein, 900 Euro pro Monat und Kind und monatliche Zinsentschädigungen für Wohnungsbaudarlehen. In Finnland ist der Führerschein kostenlos und es gibt vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten. In einigen Ländern wie Dänemark entscheidet das Los, wenn zu wenig Soldatinnen und Soldaten den Dienst freiwillig antreten.

Junge Menschen in München: "Die Bezahlung ist verlockend"

Wenn man sich umhört, gehen die Meinungen auseinander. Bei einer BR-Straßenumfrage in München erzählt der 21-jährige Simon Zanken, dass das gute Nettogehalt für ihn schon ein Anreiz wäre und der Bundeswehr sei er ohnehin nicht abgeneigt: "Ich würde zur Bundeswehr gehen, um für Deutschland zu dienen. Da hätte ich Lust drauf." Andere sind zwiegespaltener: "Die Bezahlung ist schon verlockend, aber ich würde da trotzdem nicht gerne hingehen. Ich finde, die Politik sollte sich mehr für Frieden einsetzen", sagt der 16-jährige Marlon Grupp. Für viele, die sich bereits im Studium oder in der Ausbildung befinden, wäre es keine Option mehr, so wie für die 23-jährige Julina Kissner: "Wenn ich nochmal 18 wäre, würde ich vielleicht nochmal darüber nachdenken, aber heute ist es für mich zu spät, weil ich mitten im Studium stecke."

Bundesschülerkonferenz: "Wir wollen mit an den Tisch"

Junge Menschen sollen Verantwortung übernehmen – mit dieser Forderung appelliert die Politik an die junge Generation. Quentin Gärtner, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, weist den Vorwurf, der darin mitschwingt, zurück: "Wir wollen Verantwortung übernehmen. Wir möchten leisten. Aber wir möchten bei einem Thema, das die Lebensplanung von Kindern und Jugendlichen betrifft, mit an den Tisch", sagt Gärtner. Der 18-Jährige fühlt sich von der Politik übergangen, die aus seiner Sicht viele Belange junger Menschen aus dem Blick verloren habe. Die Anreize für einen freiwilligen Wehrdienst der Bundesregierung könnten einige motivieren, dennoch müsse man jungen Menschen bei dieser Diskussion auf Augenhöhe begegnen: "Die Grundfrage ist: Möchten wir eine Struktur schaffen, in der wir junge Menschen wertschätzen, in der wir ihnen auch zutrauen, unser Land zu verteidigen?", so Gärtner.

Kritik vom Reservistenverband: "Keine Zeit für Experimente"

Das Ziel der Bundesregierung ist es, rund 80.000 zusätzliche Soldatinnen und Soldaten zu rekrutieren, dazu mindestens 200.000 Reservisten. Der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Henning Otte (CDU), bezweifelt, ob ein Wehrdienst auf freiwilliger Basis gelingen kann und plädiert dafür, junge Menschen zu verpflichten. "Ich sehe eine hohe Motivation in der Jugend, denn es geht ja auch um Frieden und Freiheit für die Zukunft", sagte Otte dem Bayerischen Rundfunk. Deshalb sieht er im Kabinettsbeschluss eine vertane Chance.

Auch für Fabian Forster, Landesvorsitzenden des Reservistenverbands Bayern, ist dieses Ziel mit einem Modell, das auf Freiwilligkeit beruht, nicht zu schaffen: "Das Problem ist, dass schlicht zu wenig junge Leute da sind, um den Bedarf in allen Bereichen gleichzeitig zu decken. Es wäre deshalb besser gewesen, bereits jetzt die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Angriff zu nehmen. Für Experimente haben wir keine Zeit", so Forster. Die Maßnahmen im Gesetzentwurf findet er dennoch sinnvoll und befürwortet die höhere Bezahlung. Den Effekt solle man aus seiner Sicht aber nicht überschätzen: "Den Entschluss, Wehrdienst zu leisten – mit allen Konsequenzen – machen junge Menschen nicht allein von Prämien oder Vergünstigungen abhängig. Entscheidend ist am Ende die Überzeugung, einer guten Sache zu dienen", betont Forster.

Im Audio: Wehrbeauftragter kritisiert neues Wehrdienst-Modell

Henning Otte
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Henning Otte

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