Lange Schlangen vor dem Augsburger Kongresszentrum. Mittendrin Volkmar Reschke. Er will die Kanzlerin hören. Zehn Jahre nach Beginn der Flüchtlingskrise, die ihn beruflich begleitet hat: "Ich habe selber damals vor zehn Jahren als Kinderarzt bei den ersten Aufnahmen geholfen." Hinter ihm Laura Diehlmann, eine Lehrerin: "Ich fand sehr stark, dass sie immer noch dazu steht. Dementsprechend erwarte ich, dass sie auch jetzt noch dazu steht."
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Eine Frage von Horst Seehofer
Dann betritt Merkel das Podium. Der Chefredakteur der "Augsburger Allgemeinen", die das Podiumsgespräch veranstaltet, spricht Horst Seehofer an, mit dem sich Merkel über die Flüchtlingspolitik entzweit hatte. Der frühere CSU-Chef wolle wissen, warum Merkel nicht auch zu den Opfern ihrer Migrationswende gehe?
"Ich verstehe total, dass die Menschen da wirklich sauer sind", antwortet Merkel. "Das waren ja auch noch Leute, die das Land hätten verlassen müssen, wenn wir das Beispiel Solingen nehmen." In Solingen tötete ein Syrer drei Menschen auf einem Stadtfest. Inzwischen steht er vor Gericht. Wie schwer es sei, ausreisepflichtige – teils kriminelle – Menschen außer Landes zu bringen, das habe sie vielleicht nicht erkannt, sagt Merkel. In diesem Bereich werde nun "richtigerweise" viel versucht.
"Konnte mir keine Wasserwerfer vorstellen"
Es sei daher nicht richtig, zu sagen, "ich würde mich wegducken und diese Fragen nicht sehen", so Merkel. So wie sich die Lage 2015 dargestellt habe, hätte sie sich jedoch nicht vorstellen können, "dass ich stattdessen Wasserwerfer eingesetzt hätte und gesagt hätte, jetzt nehmen wir euch nicht mehr auf", so Merkel weiter. Sie habe jedoch den Handlungsbedarf erkannt. Daher habe sie mit der Türkei ein Abkommen geschlossen. Das habe die Migration über die Balkan-Route deutlich begrenzt.
"Ich wollte etwas tun, das mit unseren Werten vereinbar ist. Wenn solche Situationen kommen, müssen wir uns hinterher auch fragen: Waren alle unsere Reden über Werte und Menschenwürde schöne Sonntagreden, oder haben wir dann versucht, auch ein bisschen danach zu handeln? Das hat mich umgetrieben", erklärt Merkel. Langer Applaus des Publikums.
Was Merkel zum Erstarken der AfD sagt
Dass ihre Politik die AfD gestärkt hat, räumt Merkel ein. Zugleich weist sie darauf hin, dass die AfD beim Ausscheiden aus ihrem Amt bei "zehn, elf Prozent stand, und wieder auf dem absteigenden Ast war. Heute ist sie doppelt so stark." Es sei nicht mehr nur die Migrationspolitik, die die AfD stark mache. Man müsse sich inhaltlich mit der Partei auseinandersetzen. Zurückweisungen an der deutschen Grenze lehnt Merkel weiter ab. Nötig sei eine effektive Sicherung der europäischen Außengrenzen.
Vom Augsburger Publikum bekam Merkel viel Applaus. "Ich finde, sie hat sich nicht herausgeredet", so Kinderarzt Reschke. "Es wurde auch angesprochen, dass die AfD so stark geworden ist aufgrund der Flüchtlingskrise, die sie gestaltet hat. Aber ich fand es sehr ehrlich zu sagen: Was hat sie für eine Möglichkeit gehabt? Es war ein Akt der Menschlichkeit." Merkel habe Fehler eingeräumt, resümiert Lehrerin Diehlmann: "Sie war sehr menschlich."
Es folgten langer Beifall und Blumen für Angela Merkel. Zumindest an diesem Abend in Augsburg.
Im Video: Altkanzlerin Merkel zu Gast in Augsburg
Merkel zu Gast in Augsburg
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