Punkt 12 Uhr läuten in Aschaffenburg alle Glocken. Die Stadt gedenkt der Opfer des Messerattentats vor einem Jahr, bei dem zwei Menschen getötet und weitere verletzt wurden. Am Tatort im Park Schöntal findet eine stille Kranzniederlegung statt – im kleinen Kreis – mit Angehörigen, damaligen Helferinnen und Helfern sowie Vertreterinnen und Vertretern von Polizei und Rettungsdiensten. Viele haben Blumen oder Kerzen dabei.
"Viele von uns wissen noch genau, wo sie waren, als die Nachricht kam", sagt Oberbürgermeister Jürgen Herzing (SPD). Viele erinnerten sich daran, "als der Boden unter den Füßen kurz ins Wanken geriet: Schock, Fassungslosigkeit, Trauer – und auch eine Angst, die man zuvor so nicht kannte". Herzing dankt den Einsatzkräften und betont den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft.
Attacke kurz vor Bundestagswahl
Der ausreisepflichtige, psychisch kranke Afghane, der bereits mehrfach straffällig geworden war, hatte eine Kindergruppe in der Aschaffenburger Innenstadt angegriffen. Dabei hatte er im Wahn einen zwei Jahre alten Jungen und einen 41-jährigen Vater getötet, der die Kinder schützen wollte. Das Landgericht Aschaffenburg hatte Ende Oktober 2025 entschieden, dass der Täter dauerhaft in eine psychiatrische Einrichtung muss. Der Beschluss ist rechtskräftig.
Oberbürgermeister: "Wir bleiben menschlich!"
Die Attacke passierte kurz vor der Bundestagswahl. Rechte Gruppierungen versuchten damals, die Tat für ihre politische Agenda zu instrumentalisieren. Doch diese Spaltungsversuche seien in Aschaffenburg gescheitert, betont der Oberbürgermeister: "Unser gemeinsames Zeichen war und ist: Das lassen wir nicht zu! Wir sind erschüttert, aber wir bleiben menschlich. Und wir wissen: Das Verbrechen eines Einzelnen darf niemals zum Urteil über eine ganze Gruppe werden."
Aschaffenburg wird Schauplatz von Demos
Die Aschaffenburger mussten sich also nicht nur mit Schock und Trauer auseinandersetzen, sondern auch mit der politischen Debatte. "Ich bin froh, dass wir nicht gesagt haben, das ist die Gruppe der Afghanen, die wollen wir nicht mehr in der Stadt haben. Die große Einordnung war: Das ist die Tat eines Einzelnen in einer besonderen Situation", sagt Oberbürgermeister Herzing.
Aschaffenburger erobern sich den Park zurück
Nach der Tat entstand am Tatort ein Meer aus Blumen, Kerzen und Kuscheltieren. "Als es auf das Frühjahr zuging, haben wir alles ganz langsam zusammengeräumt", so Herzing. Man habe den Menschen nicht zu früh den Ort des Trauerns und Gedenkens nehmen wollen.
Weil sich aber viele in dem Park weiter unwohl fühlten, initiierte die Stadt dort im vergangenen Sommer ein großes Familien-Picknick. "Da ist der Knoten geplatzt. Es waren so viele Menschen da, Kinder haben auf der Wiese gespielt", erinnert sich Herzing. Heute ist der Park wieder gut besucht.
Begegnungsstelle für Trauer und Austausch geplant
Künftig soll eine Begegnungsstätte im Schöntal entstehen. Bewusst nicht als klassisches Denkmal, erklärt Herzing. Stattdessen solle ein Ort entstehen, der Raum für Trauer, Innehalten und Austausch bietet. Im Februar will der Stadtrat eine Ausschreibung für Künstlerinnen und Künstler aus der Region starten. Das Projekt soll noch in diesem Jahr umgesetzt werden.
Betroffene hoffen auf eine Art Abschluss
Die Verarbeitung der Tat fällt sehr unterschiedlich aus, abhängig von der Nähe zum Geschehenen. Gerade Einsatzkräfte und Helfer, die damals vor Ort waren, kämpfen immer noch mit dem Erlebten. Die beiden Erzieherinnen etwa, die damals mit der Kindergruppe im Park waren, arbeiten mittlerweile wieder in derselben Kurzzeitbetreuung des Aschaffenburger Vereins Grenzenlos. Mit den Kleinen in den Park gehen sie aber nicht. "Wir haben uns andere Routen und Orte in der Stadt gesucht", sagt Vereinsgründer Harry Kimmich. "Die beiden Erzieherinnen kämpfen immer noch mit sich und ihrer Situation." Er glaubt, dass der Jahrestag nochmal eine Art Abschluss für sie sein könne.
Gedenkgottesdienst am Abend
Um den Aschaffenburgern die Möglichkeit des gemeinsamen Gedenkens zu geben, wird es um 18.30 Uhr einen Gottesdienst in der Christuskirche in der Altstadt geben. Die Gedenkfeier für die Opfer gestalten Oberbürgermeister Herzing, Geistliche aus der Stadt und die marokkanische Gemeinde. Denn die Familie des getöteten kleinen Jungen kommt aus Marokko. Weil die Stadt mit großer Anteilnahme rechnet, wird der Gottesdienst live auf Youtube übertragen.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
