"Wir sind am Kämpfen", sagt Kanuslalom-Bundestrainer Thomas Apel mit Blick auf die Situation am Augsburger Eiskanal. Dass man an der Olympia-Wildwasserstrecke dringend etwas unternehmen muss, darauf machte vergangenes Jahr schon sein Vorgänger Klaus Pohlen mit deutlichen Worten aufmerksam. "Wenn uns diese Wettkampfstrecke wegfällt, kann man den Standort eigentlich zumachen", erklärte er angesichts des Wassermangels damals, und löste damit eine Kontroverse aus.
Eiskanal steuert auf Negativrekord zu
Dieses Jahr ist die Situation noch dramatischer: Seit Anfang Juli liegt die Wildwasser-Strecke am Augsburger Eiskanal trocken. An 127 Tagen führte der Lech heuer schon zu wenig Wasser, um das künstliche Gewässer zu speisen – so viele, wie nach Recherchen von Michael Senft aus Zahlen des Gewässerkundlichen Dienstes Bayern zu diesem Zeitpunkt im Jahr seit mindestens zehn Jahren nicht. Laut dem Leiter des Bundesleistungsstützpunkts Augsburg gab es um diese Zeit vergangenes Jahr an 115 Tagen zu wenig Wasser, 2024 waren es ganzjährig nur 52 Tage.
"Tendenziell sieht man schon, wohin die Reise geht", warnt Senft. Die Winter würden trockener, Wasser von Schneeschmelzen weniger und Trockenphasen insgesamt länger. Dass der Eiskanal zuletzt so lange am Stück trocken war, sei sehr lange her. Die Strecke darf laut Senft zu Trainingszwecken nur dann geflutet werden, wenn am Lechpegel bei Haunstetten mindestens 50 Kubikmeter Wasser pro Sekunde abfließen. Vergangene Woche waren es weniger als 22.
Kampf um Trainingszeiten vor Weltcups
Laut Cheftrainer Apel kommt die aktuelle Trockenphase zu einer ungünstigen Zeit: Die deutschen Kanuten sind zurück von der Weltmeisterschaft in Oklahoma, im September stehen die beiden letzten Kanuslalom-Weltcups in Vaires-sur-Marne in Frankreich und in La Seu d'Urgell in Spanien an. Weil die Ergebnisse zum Olympia-Quoten-Ranking zählten, haben diese Wettkämpfe laut Apel hohen Stellenwert.
"Normalerweise würden wir jetzt in die heiße Phase der Vorbereitung gehen. Stattdessen sitzen wir ein bisschen auf dem Trockenen", so Apel. Trainieren könnten Athletinnen und Athleten in Augsburg zwar noch an der sogenannten Jugendstrecke neben der Wettkampfstrecke. Die aber ist weniger anspruchsvoll und genügt der Nationalmannschaft zur Vorbereitung nicht.
Apel: Athleten müssen "dem Wasser hinterherreisen"
Die kurzfristige Lösung: Die Athleten müssen laut Cheftrainer Apel "dem Wasser hinterherreisen". Eine kleinere Gruppe trainiere aktuell auf einer künstlichen Strecke mit Pumpen in Paris, andere Trainingsgruppen würden auf Prag ausweichen. Außerdem seien auch Trainingseinheiten auf der Pumpstrecke in Markkleeberg bei Leipzig eine Option.
Doch laut Apel muss eine langfristige Lösung her: "Die Phasen, in denen unser Training schwer planbar bis nicht umsetzbar ist, nehmen gefühlt Jahr für Jahr zu." Dass man nicht nur Veranstaltungen sondern auch den täglichen Trainingsbetrieb in Augsburg sichere, habe für ihn höchste Priorität.
Lösung in Planung
Den Eiskanal aufzugeben, das kommt in Augsburg für niemanden in Frage. Er gilt seit Jahrzehnten als Medaillenschmiede, ist Bundes- und Landesstützpunkt und Aushängeschild der Sportstadt Augsburg. Die Stadt hat die Problematik erkannt und Planungen angestoßen: Sie arbeitet an einem Steuerungssystem mit zwei Wehren, das den Betrieb der Kanustrecke auch bei geringem Zufluss ermöglichen soll. In vier bis fünf Jahren soll das System gebaut sein, der Freistaat hat seine Förderung zugesagt. Auch für die Münchener Bewerbung für die Olympischen Spiele hat die Augsburger Wildwasserstrecke Bedeutung.
Wenn das Jahr aber so weitergeht, steuert der Eiskanal auf einen Negativrekord zu – und bei Wasserständen wie jetzt könnte auch das neue System nicht helfen. "Bei 21 Kubikmeter pro Sekunde geht nichts", so Stützpunktleiter Senft - weniger als die Hälfte also von dem, was es für einen Betrieb aktuell braucht.
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