"Wir brauchen Leute, die investieren!" Eigentlich liegt die Lösung für Bürgermeister Josef Loferer (CSU) auf der Hand, denn in seiner Gemeinde Schleching im Achental sieht er großes Potenzial. Er ist sicher: Von mehr Tourismus könnte seine Gemeinde profitieren. Doch dafür muss noch viel passieren und aus eigener Kraft, ohne finanzielle Hilfe von außen, schafft die Gemeinde das nicht.
Touristische Infrastruktur: Fehlanzeige
Malerisch gelegen – und doch bieten sich im Bergsteigerdorf Schleching für Touristen wenig Möglichkeiten. Es fehlt schon am Wesentlichsten: "Was wir nicht haben, sind Zimmer mit Frühstück", sagt Maria Ebersberger in der Reportage von "Kontrovers – Die Story". Früher hatte sie eine Ferienwohnung mit sechs Betten, die sie vermietet hat. Doch das ist vorbei. Für sie lohnt sich eine Renovierung nicht – es müsste viel getan werden – und ihr Sohn hat einen anderen Job, wird also nicht in ihre Fußstapfen treten.
Für Remigius Bauer, der einen Sportladen im Ort betreibt, ist die Lage existenziell: "Im Endeffekt sind wir momentan um jeden Vermieter und um jeden Gastronomen froh." Bleiben die Touristen weg, läuft das Geschäft durchwachsen. "Du brauchst Leute, die in die Zukunft denken", sagt er. Doch genau daran mangelt es.
Erst Begeisterung – dann herbe Enttäuschung
Auf der anderen Seite des Bergs, in Sachrang in der Gemeinde Aschau, erzählen die Bewohner von denselben Hoffnungen und ähnlichen Herausforderungen. Sie mussten aber schon herbe Enttäuschungen einstecken, erzählen sie dem Team von "Kontrovers – Die Story".
2020 verkaufte der Eigentümer den alten Gasthof an eine Investorengruppe. Die machte sich ans Werk und ließ ihn 2022 entkernen. Seither passiert nichts, die Bauarbeiten stehen still.
"Da war am Abend immer mal was los mit Stubenmusik", erinnert sich Ilse Maria Fischer. Dieter Höpfner, selbst Vermieter, war bei den Informationsveranstaltungen der Investoren dabei: "Ich war am Anfang begeistert, weil die Erzählungen der Investoren waren genau das, was wir hören wollten."
Die ganze Kontrovers-Story im Video: "Bauruine statt Hotel – Investitionsprojekte auf dem Land"
Die Begeisterung und der Wunsch nach Aufschwung sind Ernüchterung gewichen. Die Investorengruppe verwies schriftlich auf die "außergewöhnlich angespannte Marktlage im Immobiliensektor". Für den Ort bedeutet das einen spürbaren wirtschaftlichen Ausfall: Die Gäste eines Hotels in der geplanten Größe hätten pro Jahr mindestens 400.000 Euro im Ort ausgegeben, berechnet die Tourist Info Aschau.
"Die Alarmglocken hätten schrillen sollen"
Auch für Schleching hatte ein Investor große Pläne: Er wollte die Geigelstein-Bahn sanieren, eine Schau-Brauerei bauen und die Gastronomie am Berg beleben. Handwerker Hans Aigner und Andreas Loferer, Sohn des Bürgermeisters, haben im Auftrag der Investitionsfirma die Elektrik verlegt und ein Kupferdach gemacht.
Doch dann: Abbruch. Der Verkauf platzt. Seither liegen mehrere Vertragspartner im juristischen Streit. Auf Nachfrage erfährt "Kontrovers – Die Story" vom Anwalt der Investitionsfirma: "Eine Wiederaufnahme der Bauarbeiten ist nicht geplant, da sich das ursprünglich geplante Konzept nicht wirtschaftlich realisieren ließ."
Bürgermeister Josef Loferer (CSU) sagt: "Der Investor hat nur erzählt, er hat sehr viel Geld, sehr, sehr viel Geld und kann sich das alles ganz leicht leisten." Belege oder konkrete Sicherheiten ließ er sich nicht vorlegen.
Auch in der Gemeinde Aschau hat man sich beeindrucken lassen: von Werbevideos, großen Presseveranstaltungen und Kick-off-Terminen. "Wir waren schon euphorisch, aber letztlich, im Nachhinein betrachtet, war es vielleicht auch ein bisschen zu viel, wo dann schon vielleicht die Alarmglocken hätten schrillen können", räumt Aschaus Bürgermeister Simon Frank von der überparteilichen Bürgerliste "Zukunft für Aschau" ein.
Abgesprungene Investoren: keine Einzelfälle
Doch wie können Gemeinden erfolgreich in die Zukunft investieren, wie gelingt der Aufschwung? Gerhard Rainer rät, Entscheidungen über Verkäufe und Bauprojektgenehmigungen erst auf Basis einer gründlichen Recherche zu treffen. Er ist Professor für Humangeographie an der Universität Passau und forscht zu touristischen Investitionen auf dem Land. Im Idealfall könne es so laufen, dass das Projekt profitabel sei und sowohl Anleger als auch die Region davon profitieren. Doch Rainer weiß auch, dass Aschau und Schleching keine Einzelfälle sind.
Für den ehemaligen Sachranger Hof ist inzwischen eine Zwangsversteigerung angesetzt. Die Investoren wollen sie verhindern und das Projekt doch noch umsetzen. Bis März bleibt ihnen Zeit. Für die Dorfbewohner heißt es hier wieder einmal: warten und Hoffen.
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