Wenn jemand auf der Münchner Wiesn (fast) alles mitbekommt, dann die Bedienungen. Tagtäglich sorgen Hunderte von ihnen dafür, dass alle Gäste des Oktoberfests ausreichend mit all dem versorgt sind, was das Volksfest ausmacht. Doch viele Bedienungen zeigen sich von dem besorgt, was sie auf der Wiesn in den letzten Jahren erleben.
Appell der Bedienungen auf Social Media
Auf Instagram und TikTok veröffentlichte der Account "bedienungengegenrechts" nun einen Appell zahlreicher Bedienungen. In dem heißt es: "Seit Jahren beobachten wir, wie Dinge wieder sagbarer werden und plötzlich weniger Widerspruch bekommen." In schnell wechselnden Bildern zwischen den Teilnehmern erinnern sie an den rechtsterroristischen Anschlag auf das Oktoberfest von 1980 und die Namen der Opfer.
Nach den jüngsten Wahlen: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"
Im Gespräch mit BR24 erläutern die Organisatorinnen Anna und Fanny wie die Aktion zustande kam. Beide haben sich 2022 auf ihrer ersten Wiesn kennengelernt und sind seitdem dort und auf anderen Volksfesten im Einsatz. Fanny erzählt: "Ich bin manchmal total baff, was bei einem bestellt wird oder wie sich Leute verhalten und das oft auch als Tradition abgetan wird. Es ist halt einfach super viel Rassismus und Diskriminierung dabei. Und es ist immer größer geworden."
Auch unter den Eindrücken der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt hätten sich die beiden gedacht: "Wenn nicht jetzt, wann dann?". Anna fügt hinzu: "Wir waren eigentlich dann selber schockiert, dass es das noch nicht gibt. Also das es noch keine Wiesn gegen Rassismus gibt, dass noch keiner sich zusammengeschlossen hat." Beide berichten im Gespräch von zahlreichen Erfahrungen mit Diskriminierungen.
Eindruck spiegelt sich auch in den jüngsten Polizeistatistiken - aber kein klarer Trend
Sei es die Verwendung des "N-Wortes", eine Blaskapelle die Songs über rassistische Stereotype spiele, Gäste die sich über Ausländer auf der Wiesn auslassen oder sexistische Sprüche in Richtung der Bedienungen. Und diese Beobachtungen scheinen viele ihrer Kollegen zu teilen.
Tatsächlich deuten die jüngsten Zahlen der Münchner Polizei auf einen Anstieg hin: So wurden im vergangenen Jahr auf der Wiesn elf staatsschutzrelevante Delikte angezeigt, 2024 waren es sechs. Hierbei habe es sich meist um den Nationalsozialismus verherrlichende Äußerungen gehandelt, so die Polizei. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 2025 insgesamt 74 verzeichnet, im Jahr zuvor waren es 58.
Die Polizei weist darauf hin, dass sich ältere Zahlen nicht gut mit heutigen vergleichen ließen, da es in dem Bereich einige gesetzliche Veränderungen gegeben habe.
Großer Zuspruch in WhatsApp-Gruppe
Nach der Idee für einen Zusammenschluss gab es schnell großen Zuspruch, so Anna: "Wir haben dann eine WhatsApp-Gruppe erstellt und da hatten wir dann erst, glaube ich, zwanzig oder dreißig Leute drin und innerhalb von einem Tag waren es über einhundert und alle waren total begeistert."
Die Vielfältigkeit hinter den Kulissen betonen die Organisatorinnen immer wieder. Es sei Normalität, dass in den Essensausgaben unter dem Personal Englisch gesprochen werde. "Und die Gäste stellen sich da irgendwie drüber und sind dann auch noch rassistisch", erzählt Anna.
Erinnerung an Oktoberfest 1980
Mittlerweile umfasse die Initiative 155 Menschen, rund 45 von ihnen sind im Video auf Instagram zu sehen. Dieses erinnert auch an die Geschichte des Oktoberfests. Gemeinsam gedenken sie dort der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags auf die Wiesn am 26. September 1980. Damals starben 12 Menschen sowie der Täter durch eine selbstgebaute Bombe, 221 weitere Menschen wurden verletzt.
Der 21-Jährige Attentäter war Teil von neonazistischen Verbindungen. "Es gibt das Denkmal am Eingang, aber viele wissen nicht, dass das rechtsextremistisch war. Und das finde ich total krass", so Fanny. Insgesamt wünschen die beiden sich noch mehr Einsatz von den Veranstaltern und Zeltwirten.
Wirte und Stadt weisen Vorwürfe zurück
Diesen Handlungsbedarf sehen die Wiesn-Wirte jedoch nicht. Deren Sprecher, Peter Inselkammer, der selbst seit Jahren ein Zelt auf dem Oktoberfest betreibt, betont auf BR24-Anfrage, dass "die gesamte Wiesn-Familie schon immer jede Art von Diskriminierung, Rassismus und Sexismus auf das Entschiedenste" ablehne.
Auch die Stadt als Veranstalter erklärt, dass auf der Wiesn "Rassismus, Sexismus oder LGBTIQ+-feindliches Verhalten nichts zu suchen" habe, und verweist auf entsprechende Passagen in der Oktoberfestverordnung. Die Festleitung begrüßt es aber demnach, wenn "Multiplikatoren aus der Wiesn-Familie die Haltung der Stadt" unterstützen.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!
