Weil der öffentliche Nahverkehr auf dem Land nicht ausreicht, behilft man sich mancherorts in Bayern mit einem "Bürgerbus": Kleinbusse sind auf einer festen Buslinie unterwegs – gefahren von Ehrenamtlichen. Ist die jahrzehntealte Idee auch eine für die Zukunft? Das zeigen zwei Beispiele aus Oberbayern und Oberfranken.
Bürgerbus Chiemsee besteht seit Jahrzehnten
In Amerang steht Rosa Seehuber noch einmal am Kleinbus des Bürgerbusses Chiemsee. 15 Jahre lang saß sie selbst am Steuer. Die 78-jährige Verkäuferin in Rente schwärmt von der Strecke am Chiemsee entlang – und von den Fahrgästen. "Mei Gott sei Dank, dass ihr fahrt's", das habe sie oft gehört.
Der Bürgerbus Chiemsee verbindet kleine Orte im Grenzgebiet zwischen den Landkreisen Rosenheim und Traunstein – seit mehr als 20 Jahren. Zum festen Busfahrplan gehören 60 Bushaltestellen in zehn Gemeinden, die der Bus montags bis freitags mehrmals am Tag anfährt.
Landkreis befürwortet Bürgerbus
Die Betriebskosten des Busses trägt der Landkreis Rosenheim. Landrat Otto Lederer (CSU) hat sich bewusst dafür ausgesprochen, dass der Bus weiter existieren soll, berichtet der – ebenfalls ehrenamtliche – Koordinator Norbert Gradmann; obwohl sich der Betrieb nicht rechnet. Der Bus fährt mit einem Spezialtarif: Die Fahrt kostet einen Euro, ab drei Gemeinden 1,50 Euro.
8.000 Gäste fahren pro Jahr mit – bei etwa 240 Betriebstagen. Die meisten Fahrgäste haben sonst keine Alternative. Sie sind sich einig: Das Angebot muss dringend weiter bestehen.
Ohne Nachwuchs kein Bürgerbus
Damit das System weiter funktioniert, braucht es immer genügend Fahrerinnen und Fahrer. Aktuell sind es 23 Ehrenamtliche. Vor einem Jahr sei es ziemlich eng gewesen, berichtet Gradmann. Denn wenn es weniger als 15 Fahrer werden, werde die Belastung für den einzelnen zu hoch.
Um einen Kleinbus mit acht Fahrgästen zu lenken, genügt der normale Autoführerschein. Zusätzlich müssen die Fahrer einen Personenbeförderungsschein machen. Dazu gehört unter anderem eine arbeitsmedizinische Untersuchung.
Rosa Seehuber hat mit 78 Jahren ihre letzte Fahrt für den Bürgerbus Chiemsee gemacht, und auch der gleichaltrige Heinrich Axhausen hört auf – nach 400 Fahrten. Nun muss der Generationenwechsel gelingen. Sieben neue Interessenten haben sich bereits gemeldet.
Landkreis Miesbach: Firmen werben an Haltestellen
In Bayern gibt es nur vereinzelt weitere Bürgerbus-Angebote, und die meisten decken nur kleine Gebiete ab. Im benachbarten Landkreis Miesbach etwa fährt seit zwei Jahren ein Bürgerbus nur zwischen den Weilern und Ortsteilen der Gemeinde Waakirchen. 40 Ehrenamtliche fahren den Bus werktags – mittlerweile elektrisch. Die Fahrgastzahlen steigen stetig, so Eckhard Schmitt, der Initiator des Projekts. Das Angebot ist kostenlos. Firmen konnten die knapp 30 Haltestellen als Paten sponsern und im Gegenzug Werbung schalten.
Lange Tradition im Landkreis Bayreuth
Die wohl längste Bürgerbus-Tradition Bayerns hat der oberfränkische Landkreis Bayreuth. Seit 1989 ergänzen dort Bürgerbusse das ÖPNV-Angebot. Bezahlt wird das Angebot vom Landkreis. Derzeit verkehren vier Busse auf sieben verschiedenen Routen; die Fahrgastzahlen seien stabil, heißt es aus dem Landratsamt.
Insgesamt habe es in den mehr als 35 Jahren des Bürgerbus-Projekts schon über 300 Fahrerinnen und Fahrer gegeben. "Wir richten uns nach den Bedürfnissen der Menschen, die nicht mehr so mobil sind", sagt der ehrenamtliche Fahrer Wolfgang Zwing. Das bedeutet auch, dass er seine Fahrgäste bei Bedarf nicht bis zum nächsten Haltepunkt mitnimmt, sondern direkt am Supermarkt oder vor der Arztpraxis aussteigen lässt.
Neuzugang: Die Fichtelgebirgs-Linie
Seit zwei Jahren fährt auch durch die Gemeinden im Fichtelgebirge eine Bürgerbus-Linie – in zwei Stunden einmal um den Ochsenkopf. Die Busse sollen nicht nur ein Angebot für Menschen mit eingeschränkter Mobilität sein, sondern auch für Touristen. Sie fahren Wanderparkplätze, das Moorbad, die Seilbahnstationen und das Waldhaus in Mehlmeisel an. Die Linie habe sich schnell etabliert und sei zu einem festen Bestandteil des Angebots geworden, so ein Landratsamts-Sprecher. Es sei aber eine Herausforderung, weitere Fahrerinnen und Fahrer zu gewinnen. Denn eines haben die Projekte gemeinsam: Ohne das Engagement von Ehrenamtlichen funktioniert es nicht.
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