Michael Roth am Sonntags-Stammtisch
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Michael Roth (SPD) kritisierte am Sonntags-Stammtisch einen "furchtbaren Antisemitismus" in Deutschland.
Bildrechte: Andreas Schroll / Bayerischer Rundfunk
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Michael Roth (SPD) kritisierte am Sonntags-Stammtisch einen "furchtbaren Antisemitismus" in Deutschland.

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Ex-Politiker Roth beklagt Empathielosigkeit gegenüber Israel

Ex-Politiker Roth beklagt Empathielosigkeit gegenüber Israel

Die deutsche Haltung zu Israel wird kontrovers diskutiert, auch am BR-Sonntags-Stammtisch. Der frühere SPD-Politiker Roth begrüßte den Besuch des Kanzlers in Israel. Benediktinerabt Schnabel wünscht sich mehr "Grautöne" in der Nahost-Debatte.

Über dieses Thema berichtet: Der Sonntags-Stammtisch am .

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat an diesem Sonntag den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu besucht. Für manche kam die Reise zu spät, andere sind wiederum der Meinung, Merz sollte gar nicht nach Israel fahren. Die deutsche Haltung gegenüber Israel ist umstritten – und wurde am Sonntags-Stammtisch kontrovers diskutiert.

Abt Nikodemus: "Die Grautöne nehmen ab"

Der Benediktinerabt Nikodemus Schnabel leitet zwei Klöster in Israel - auf dem Berg Zion in Jerusalem und in Tabgha am See Genezareth. Er kennt Menschen, deren Angehörige beim Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ermordet wurden und feierte das Requiem für vier Katholiken, die an diesem Tag getötet wurden. Er kennt aber auch Palästinenser, deren Familien im Gaza-Streifen ausgelöscht wurden. Am Sonntags-Stammtisch kritisierte er ein Schwarz-Weiß-Denken: "Die Grautöne nehmen ab." Er fand deutliche Worte für die Nahost-Debatte: "Es widert mich an. Wir reden nicht über ein Fußballspiel. Wir reden darüber, dass täglich Menschen sterben."

Es gebe einen übermäßigen Drang, sich eindeutig zu positionieren, sagte er. Schon in vielen Social-Media-Profilen sei das erkennbar: Die einen hätten eine Israel-Flagge im Profilbild und schrieben "I stand with Israel", bei den anderen sei eine Palästina-Flagge und der Slogan "Free Palestine" zu sehen. Er fühle sich weder bei den einen noch den anderen zu Hause, betonte Abt Nikodemus. Staaten seien sekundär, primär sei der Mensch.

Roth: Besuch bei Netanjahu "selbstverständlich richtig"

Michael Roth, der ehemalige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, kritisierte den "deutschen Mainstream" dafür, nicht mehr Partei für Israel zu ergreifen, sondern "zwischen den Dingen" stehen zu wollen. "Wir leiden gegenüber Israel und sicherlich auch gegenüber vielen anderen unter einer Empathielosigkeit, die mir mein eigenes Land hat fremd werden lassen in den vergangenen Jahren", sagte Roth am Sonntags-Stammtisch.

Er erlebe in Deutschland einen Antisemitismus, der sich "nicht mehr auf die alten und neuen Nazis beschränkt", sondern auch seine eigene linke Familie und migrantische Kreise umfasse. Der Besuch von Kanzler Merz in Israel sei "selbstverständlich richtig", so Roth.

Im Video: Der Sonntags-Stammtisch

Gastgeber Hans Werner Kilz, seine beiden Stammgäste Anja Kohl und Christian Neureuther und Michael Roth und Abt Nikodemus Schnabel.
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Christian Neureuther, Anja Kohl, Abt Nikodemus Schnabel, Michael Roth und Hans Werner Kilz diskutierten am Sonntags-Stammtisch.

Abt Nikodemus hinterfragt die zunehmende Aufrüstung

"Ich fühle mich zunehmend nicht mehr heimisch in solchen Diskussionen", sagte Abt Nikodemus. Es gebe einen "modernen Mythos: Erlösung durch Gewaltanwendung". Der Benediktinerabt hinterfragte damit die Aufrüstung und Militarisierung, die es in Israel schon lange gibt und auch in Deutschland zunimmt. Er beobachte mit Befremden, dass wir Krieg wieder "legitim und ganz gut" fänden. Vor ein paar Jahren sei es noch "moralisch schmuddelig" gewesen, Aktien von Rüstungskonzernen zu haben.

Die Sehnsucht nach Frieden höre er jeden Tag, sagte Roth – auch in Bezug auf die Ukraine. "Der Appell, den ich verstehe, müsste sich aber vor allem an diejenigen richten, die seit Jahren dafür die Verantwortung tragen, dass der Krieg als Politik mit anderen Mitteln auf die Weltbühne und nach Europa zurückgekehrt ist." Russland, der Iran und China seien Staaten, die ihre Probleme militärisch lösen wollen. "Uns geht es darum, dass wir unsere liberale Demokratie und unsere Freiheit verteidigen", betonte Roth. Dies sei ein besonders schwerer Prozess, da die USA nicht länger Europas Schutzschirm sei.

USA werden zum "Büttel der autoritären Regime"

Zuletzt wurde das schwierige Verhältnis zwischen der US-Regierung und Europa in der US-amerikanischen nationalen Sicherheitsstrategie deutlich. Darin kritisiert die US-Regierung etwa, dass die Opposition in Europa unterdrückt werde, und signalisiert, rechte Parteien innerhalb der EU unterstützen zu wollen. "Damit wird natürlich das Land der Freiheit zum Büttel der autoritären Regime, die, auch wenn wir das manchmal nicht wahrhaben wollen, einen Krieg gegen unsere Werte führen", sagte Roth.

In Europa sei man dagegen zu uneins, beklagte der Ex-Außenpolitiker: "Wir sind zu gespalten, um diesen Kontinent wieder zu einem Kontinent des Friedens und der Freiheit zu machen." Auch in der Nahost-Debatte spreche man nicht mit einer Stimme. Am Sonntags-Stammtisch waren sich die Gäste zumindest in einem Punkt einig: Roth und Abt Nikodemus wünschten sich beide, dass rhetorisch abgerüstet werde.

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