Mit besonders niedrigen Gewerbesteuern locken einige kleinere Gemeinden in Bayern wie Röttenbach und Kemnath große Unternehmen an.
Mit besonders niedrigen Gewerbesteuern locken einige kleinere Gemeinden in Bayern wie Röttenbach und Kemnath große Unternehmen an.
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Mit besonders niedrigen Gewerbesteuern locken einige kleinere Gemeinden in Bayern wie Röttenbach und Kemnath große Unternehmen an
Bildrechte: picture-alliance/dpa / SZ Photo | Wolfgang Filser, vizualeasy | kebox, Montage: BR
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Mit besonders niedrigen Gewerbesteuern locken einige kleinere Gemeinden in Bayern wie Röttenbach und Kemnath große Unternehmen an

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Gewerbesteueroasen: Konzerne sparen – Städte tragen Folgen

Gewerbesteueroasen: Konzerne sparen – Städte tragen Folgen

Kleinere Gemeinden locken teils mit niedrigen Gewerbesteuern große Unternehmen an. Die Folge: Eine Verlagerung der Einnahmen. Und die reißt an anderen Stellen Löcher in die Gemeindekassen. Kontrovers auf Spurensuche in Erlangen und Forchheim.

Über dieses Thema berichtet: Kontrovers am .

Der Ort Röttenbach im Landkreis Erlangen-Höchstadt kommt auf gerade einmal 4.600 Einwohner. Dennoch ist das übersichtliche Gewerbegebiet am Waldrand bemerkenswert. Denn hier sparen große Unternehmen anscheinend Millionensummen – ganz legal.

Der Grund: Röttenbach gehört zu den Gemeinden mit dem niedrigsten Gewerbesteuersatz in Bayern. Sowohl der Bürgermeister als auch die Mitglieder des Gemeinderats lehnen jedoch ein Interview dazu mit dem Team des BR-Politikmagazins Kontrovers vor der Kamera ab.

DAX-Konzern in Röttenbach

Eines der hier ansässigen Unternehmen: Siemens Healthineers mit der Tochtergesellschaft Siemens Healthineers Innovation. Nach Firmenangaben verwalten hier 50 Mitarbeiter weltweite Patente, Marken und Designs. Eine Fertigung für hochmoderne Medizintechnik ist jedoch nicht zu entdecken.

Tatsächlich beschäftigt der Dax-Konzern – mit Sitz in Erlangen und Forchheim – mehr als 11.000 Mitarbeiter in der Region. Mit der günstigeren Versteuerung in Röttenbach spart er nach Experteneinschätzung Millionen.

Nur eine Straße weiter bemerkt das Kontrovers-Team zwei Briefkästen auf den Firmennamen "RÖDL". Der Sitz ist eigentlich aber in Nürnberg. Die Firma präsentiert sich im Internet als Consulting-Unternehmen mit rund 6.000 Mitarbeitern in 50 Ländern. Ihr Kerngebiet: Steuer- und Rechtsberatung – weltweit.

Expertin: Gewerbesteueroasen durch niedrige Hebesätze

Solche Firmenverlagerungen erklären sich laut Wirtschaftswissenschaftlerin Dominika Langenmayr von der Universität Eichstätt oft mit dem niedrigen Gewerbesteuersatz: "Der Begriff der Gewerbesteueroase wird schon gängig für diese Gemeinden mit den niedrigen Hebesätzen verwendet. Das heißt, für die Unternehmen macht es einen großen Unterschied, ob sie in einer Gemeinde sind, wo der Steuersatz eher 7 Prozent beträgt, oder eher 15 Prozent beträgt." Doch spielt das auch bei Rödl eine Rolle? Auf Kontrovers-Anfrage antwortet das Unternehmen:

"RÖDL ist […] seit Anfang 2024 auch mit einem Büro in Röttenbach vertreten. Zu Details unserer Strukturen oder zu eigenen Steuerzahlungen äußern wir uns grundsätzlich nicht." RÖDL am 9.3.2026

Auch Siemens Healthineers möchte auf Anfrage keine Details preisgeben.

"Bei der Auswahl des Standorts [Röttenbach, Anm. d. Red,] spielten Infrastruktur, Steuern und Nähe zu den Headquarters in Erlangen und Forchheim eine Rolle. Die Gemeinde Röttenbach legt einen Schwerpunkt auf die Entwicklung von Gewerbegebieten für Unternehmen aus der Gesundheitsbrache." Siemens Healthineers am 6.3.2026

Rentabel für Gemeinden: Niedrige Gewerbesteuersätze

Niedrige Gewerbesteuersätze bieten auch andere Gemeinden in Bayern, etwa Kemnath in der Oberpfalz. Hier ist man gar stolz, den niedrigsten Satz im ganzen Freistaat zu haben. Die Einnahmen fließen sichtbar in die Infrastruktur: Neues Feuerwehrhaus, neue Schule, neue 8 Millionen Euro teure Sportanlage. Die Bürger freuts und auch der Bürgermeister ist zufrieden.

"Wir haben entschieden, eine Gewerbeoffensive einzuleiten, […] dass wir Mehreinnahmen erzielen. Dass es so viele werden, hätten wir damals auch nicht geglaubt. Aber dann haben wir natürlich einen Riesenvorteil und wir können Sachen eher angehen, die manche auf die lange Bank schieben müssen." Roman Schäffler, CSU/CLU, Bürgermeister Kemnath

Eine kommerzielle Agentur wirbt hier gar für Firmenansiedlung und stellt günstige Co-Workingspaces zur Verfügung: Im Internet bietet die Agentur sogar offensiv virtuelle Büros an – mit Adresse und Postweiterleitung nach individuellen Anforderungen. So bekommen Unternehmen die Möglichkeit, sich ganz legal am Standort anzumelden. Und das wird genutzt: An den Briefkästen findet Kontrovers 20 bis 30 unterschiedliche Firmennamen.

Die Folge: Trotz Investitionen fehlen anderswo nun Einnahmen

Sowohl in Kemnath als auch in Röttenbach sind die Einnahmen aus der Gewerbesteuer zwischen 2020 und 2025 deutlich angestiegen. Wieviel davon von Siemens Healthineers oder von Rödl bezahlt wurde, unterliegt dem Steuergeheimnis. Fast im selben Zeitraum ist die Gewebesteuer in Erlangen und Forchheim dramatisch eingebrochen.

Bildrechte: BR/Kontrovers
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Entwicklung der Gewerbesteuereinnahmen für Kemnath, Röttenbach, Erlangen, Forchheim

"Von heute auf morgen fallen Millionen von Euro, mit denen man gerechnet hat, weg", sagt Hans Werner Eisen, ehemaliger CSU-Stadtrat. Die Martin-Grundschule sei ein gutes Beispiel für die Auswirkungen: Eine Sanierung sei lange geplant gewesen und müsse nun dauerhaft verschoben werden. Der Forchheimer Oberbürgermeister von der SPD lehnt eine Interviewanfrage ab.

Dabei hatte die Stadt Forchheim in den vergangenen Jahren Millionen für Siemens Healthineers ausgegeben: Infrastruktur, Zufahrtsstraßen, Energieversorgung. Das Unternehmen ist mitnichten weg, betreibt etwa riesige Montagehallen, z.B. von hochmodernen Röntgengeräten. Doch große Teile der Gewerbesteuer fließen nun wo anders hin.

Ein ähnliches Bild in Erlangen: Jahrzehntelang profitierte die Siemens-Stadt von den Gewinnen des Weltkonzerns. Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) fühlt sich den Möglichkeiten der Konzerne ausgeliefert: "Man muss sich bewusst machen: Auf der anderen Seite sitzen Manager, die sind ihren Shareholdern verpflichtet und die haben die Pflicht dafür zu sorgen, so wenig wie möglich Steuern zu zahlen."

Neue Gesetze für neue Unternehmensstrukturen?

Die Politik will das Thema nun angehen: Dazu wird aktuell im Bundesrat ein Gesetz diskutiert, das den Gewerbesteuerhebesatz bundesweit nach unten begrenzt.

Wirtschaftswissenschaftler wie Dominika Langenmayr von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sehen jedoch ein grundsätzliches Problem: Unternehmen sehen heute ganz anders aus: "Da spielen Patente, Lizenzen, immaterielle Vermögensgegenstände eine viel größere Rolle. Und diese sind viel einfacher in andere Gemeinden zu verlagern, wo dann keine echte Produktion mehr stattfindet."

Im Bayerischen Finanzministerium denkt man inzwischen wohl über eine neue Gewebesteuerumlage nach. Diese könnte dann sicherstellen, dass bei gezielten Gewerbesteuerverlagerungen die am härtesten betroffenen Gemeinden – so wie etwa Forchheim – einen Ausgleich bekommen.

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