Diese Regel hat sich die AfD selbst gegeben: Mitglieder extremistischer Gruppierungen dürfen nicht Mitglied der Partei werden. Welche Gruppen damit gemeint sind, steht in einer Unvereinbarkeitsliste. Wer früher in extremistischen Gruppen engagiert war, darf nur dann in die AfD aufgenommen werden, wenn der jeweilige Landesvorstand mit Zwei-Drittel-Mehrheit eine Ausnahme beschließt. So steht es in der AfD-Satzung.
Recherchen des BR hatten jüngst zahlreiche Beispiele zutage gefördert, bei denen die Bayern-AfD die eigene Satzung offenbar ignoriert hat. Diese Woche sorgte nun der Fall von Tim Schulz aus Hohenbrunn bei München für Aufsehen. Der 24-Jährige trat von seinem Posten als stellvertretender Bayern-Vorsitzender der Parteijugend Generation Deutschland (GD) zurück, nachdem die Münchner Abendzeitung (AZ) über zahlreiche Verbindungen von Schulz in die rechtsextreme Szene berichtet hatte (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt). Schulz soll demnach unter anderem enge Kontakte zur Identitären Bewegung (IB) sowie zu Aktivisten der Neonazi-Parteien "Die Heimat" und "Dritter Weg" pflegen, die allesamt auf der AfD-Unvereinbarkeitsliste stehen. Auch dem BR liegen Videos und Fotos vor, die seine rechtsextremen Kontakte belegen, unter anderem ein Gruppenfoto der IB, auf dem Schulz gemeinsam mit anderen mit einem T-Shirt der "Identitären Bayern" posiert.
Wie mehrere Medien berichten, ist Schulz Mitarbeiter des AfD-Landtagsabgeordneten Benjamin Nolte. Gegenüber dem BR erklärte Nolte, er könne zu eventuell bestehenden Beschäftigungsverhältnissen "aus Datenschutzgründen keine Angaben machen". Nolte selbst ist Mitglied der Münchner Burschenschaft Danubia, deren Aktivitas - also die aktiven Studenten - vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft sind. Er kandidiert aktuell in Weilheim-Schongau für den Posten des Landrats.
Von der Aryan Peoples Resistance zur Alternative für Deutschland
Unterdessen hat der BR zusammen mit dem Fachjournalisten Robert Andreasch auf den AfD-Kommunalwahllisten weitere Kandidaten ausfindig gemacht, die teils seit Jahrzehnten in der rechtsextremen Szene aktiv sind. So kandidiert etwa in Scheßlitz im Landkreis Bamberg Andreas Müller für den Stadtrat. Fotos aus dem Jahr 2015, die dem BR vorliegen, zeigen ihn bei einem 1.-Mai-Aufmarsch der Neonazi-Partei "Der Dritte Weg". Einige der Mitglieder sind eng verwoben mit rechtsterroristischen Kreisen. Müller trat 2014 und 2015 außerdem bei Veranstaltungen im Umfeld der neonazistischen Parteien "Die Rechte" und NPD in Erscheinung. Eine Anfrage des BR an Müller und seinen Kreisverband blieb unbeantwortet.
Einschlägige Verbindungen hat offenbar auch der Würzburger Federico Beck. Er kandidiert bei der Kreistagswahl auf dem aussichtsreichen AfD-Listenplatz 2. Noch im Juli 2025 stand Beck in Nürnberg in vorderer Reihe bei einer Versammlung der Gruppe "Aryan Peoples Resistance", zu Deutsch: "Widerstand der Arier". Die Gruppe wird inzwischen vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. Der Kreisverband der AfD schreibt dem BR, "Einschätzungen des Verfassungsschutzes" hätten für ihn "keine Bedeutung". Dennoch läuft laut Main-Post ein Parteiausschlussverfahren gegen Beck (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt). Der Landesverband der AfD will sich dazu auf BR-Anfrage nicht äußern. Beck selbst verweist auf die Stellungnahme seines Kreisverbands.
Ein AfD-Kandidat mit NPD-Fahne
Ein weiterer Würzburger AfD-Kandidat hat offenbar Verbindungen ins neonazistische Milieu: Nico Süsser. Er kandidiert auf Listenplatz 20 für den Stadtrat. Im August 2025 nahm Süsser an einer Kundgebung der rechtsextremen Gruppe "Revolte Franken" teil und schwenkte, wie Fotos belegen, eine Fahne der NPD. Süsser hat auf eine Anfrage nicht reagiert. Der AfD-Kreisverband Würzburg teilt mit: Er sei kein AfD-Mitglied. Zum Zeitpunkt der Listenaufstellung sei seine Teilnahme an rechtsextremen Versammlungen nicht bekannt gewesen. Süsser war allerdings nicht der einzige AfD-Stadtratskandidat, der bei der besagten Kundgebung der "Revolte Franken" gesehen wurde: Auch Thomas Bayer war vor Ort, er steht auf Listenplatz 4. Der Würzburger Kreisverband schreibt dazu auf BR-Anfrage: Bayer sei laut eigener Aussage nicht als Teilnehmer auf der Kundgebung gewesen, sondern in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt, um einen Mandanten "in Fragen des Versammlungsrechts" zu unterstützen. Bayer selbst hat auf eine Anfrage nicht reagiert.
Burschenschafter Halemba auf Platz 1 der Stadtratsliste
Gleich zwei AfD-Kandidaten für den Würzburger Stadtrat sind zudem Mitglieder der Burschenschaft "Teutonia Prag", deren Aktivitas vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wurden: Zum einen der Spitzenkandidat, der Landtagsabgeordnete Daniel Halemba, der jüngst vom Amtsgericht Würzburg verurteilt worden ist. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Auf Listenplatz 6 steht zudem Stephan Csernohorszky. Er ist "Alter Herr" der "Teutonia Prag", er hat sein Studium also bereits abgeschlossen, ist aber weiterhin Mitglied der Verbindung. Nach BR-Recherchen wohnt er im Anwesen der Studentenverbindung. Auf dem Grundstück der Burschenschaft wurde in der Vergangenheit volksverhetzender Rechtsrock abgespielt. Bei einer Razzia im September 2023 fanden Ermittler Waffen und Nazi-Sammlerstücke. Csernohorszky hat auf eine Anfrage umfangreich geantwortet. Allerdings darf der BR daraus nicht zitieren. Die Landtagsfraktion der AfD, bei der der Burschenschafter nach BR-Informationen angestellt ist, will keine Auskünfte geben.
Kandidaten mit "extrem rechter" Vergangenheit
"Wenn man sich die Kandidatinnen und Kandidaten der AfD anschaut, stößt man auf Menschen, die eine lange Vergangenheit haben in extrem rechten und neonazistischen Gruppen, von denen sich die AfD doch eigentlich verbal abgrenzt", sagt der Rechtsextremismus-Experte Andreasch. Das gilt auch für die AfD-Kommunalwahllisten in München. So entstammt Gernot Dengler, der für die Partei in den Bezirksausschuss im München-Laim einziehen will, der militanten Skinhead- und Kameradschaftsszene. Das belegen Unterlagen und Fotos im Bestand der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle (aida) in München. Demnach war Dengler unter anderem auch bei Pegida München engagiert.
Laut dem AfD-Kreisverband München-West wurde Dengler vor seiner Kandidatenkür befragt, hat dabei aber keine Auskunft über seine früheren politischen Tätigkeiten gegeben. Bei einer Online-Recherche zum Bewerber habe man zudem keine entsprechenden Hinweise gefunden.
Zentrale Fragen bleiben unbeantwortet
Über einen schwäbischen AfD-Kandidaten, der mutmaßlich aus der Neonazi-Szene stammt, berichtete vergangenen Woche die Allgäuer Zeitung (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt): Michael Hörmann aus Babenhausen. Der Zeitung liegt ein Aufnahmeantrag Hörmanns in die NPD aus dem Jahr 2007 vor. Heute ist er stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD im Unterallgäu und dort auch Kreistagskandidat. Nach BR-Informationen ist Hörmann zudem Mitarbeiter des Allgäuer AfD-Landtagsabgeordneten Christoph Maier. Maier schreibt auf BR-Anfrage, er gebe aus datenschutzrechtlichen Gründen grundsätzlich keine Auskunft über Mitarbeiter. Auf die Frage, ob Hörmann Mitglied der NPD war und dieses bei seinem Eintritt in die AfD offengelegt hat, gibt es keine Antwort. Angelegenheiten, die die AfD-Mitgliedschaft betreffen, seien "parteiintern zu besprechen", so Maier.
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