Jahrzehnte lang herrschte Frieden, ein einfacher Zaun schien genug, um ein Wasserwerk oder eine Trafostation vor unerwünschtem Eindringen zu schützen. Jetzt aber ist solche kritische Infrastruktur im Visier von Putins hybrider Kriegsführung.
Den bayerischen Energie- und Wasserversorgern sagt Professorin Rafaela Kraus von der Universität der Bundeswehr in München: "Sie sind kein Kollateralschaden, sondern Sie sind wirklich das Ziel dieser Angriffe. Gleichzeitig sind Sie aber auch die Verteidigungslinie und zuständig, diese Strukturen zu verteidigen."
Waren es Linksextremisten oder der Geheimdienst?
Angriffe auf das deutsche Stromnetz gab es schon viele, nur ein Teil davon ist öffentlich bekannt geworden. Etwa der folgenreiche Anschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Brandenburg, die Sabotage mit tagelangem Stromausfall in Berlin, das brennende Umspannwerk in Reutlingen – aber auch in Bayern abgefackelte Strommasten nahe Garching bei München am Pfingstmontag. Der Verdacht fiel in all diesen Fällen auf Linksextremisten. Gefasst wurden die Täter bisher allerdings nicht.
Und Bayerns Landespolizeipräsident Michael Schwald gibt zu bedenken: Dass man nicht genau weiß, wer da zuschlägt, passt durchaus auch in das Muster von Geheimdienstoperationen. Das Schüren von Unsicherheit ist hier Methode: "Wenn ein Verteilerkasten brennt, dann kann das natürlich ein linksextremistischer Anschlag sein. Es kann aber auch Teil einer hybriden Bedrohungskampagne sein."
Zu viel Transparenz verrät Schwachstellen
Bei den Energie- und Wasserversorgern steht das Thema inzwischen ganz oben auf der Prioritätenliste. Sie bereiten sich vor, reden aber in der Öffentlichkeit nur wenig darüber. Zu viel Transparenz könnte Angreifern nutzen – deswegen wurden zum Beispiel Informationen über Stromleitungen inzwischen aus dem bayerischen Energieatlas gelöscht.
Wer bezahlt für Sicherheit?
Allerdings pocht der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) darauf, dass die Sicherheitsvorkehrungen auch finanziert werden müssen. Das Stromnetz ist als natürliches Monopol stark durch den Gesetzgeber und die Bundesnetzagentur reguliert. Zusätzliche Ausgaben für Sicherheit auf die Netzentgelte umzulegen, ist bisher in vielen Fällen nicht möglich. Dann muss der Bund dafür aus Staatsmitteln aufkommen, fordert der BDEW. So etwa für die erweiterte Vorratshaltung von wichtigen Ersatzteilen wie Trafos, Masten und Leitungen.
Mehr Videoüberwachung gefordert
Videoüberwachung des öffentlichen Raums wollen die Energieversorger generell erlaubt bekommen – im Fall des großen Stromausfalls von Berlin sei die Überwachung des neuralgischen Punkts rechtlich nicht erlaubt gewesen. Und offenbar gibt es auch noch Handlungsbedarf bei der Kommunikation der Netzbetreiber, die ja Privatfirmen sind, untereinander und mit den Behörden. Bisher gibt es dafür laut BDEW noch keine sichere Plattform.
Schutz vor Drohnen ist technisch möglich – aber teuer
Besonders viel Aufregung haben immer wieder Drohnen über kritischer Infrastruktur verursacht. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine zeigt, wie groß die Schäden sind, die Drohnen anrichten können. Wie schützt man Stromleitungen und Trafos vor solchen Attacken von oben? Technisch gibt es da viele Möglichkeiten, vom elektronischen Jammer, also einem Gerät, das gezielt Funksignale stört oder überlagert, über Fangnetze und Jagddrohnen, sagt Daniela Hildenbrand vom bayerischen Drohnenspezialisten Hensoldt. Sie betont aber auch: Für jede Anlage, die mit modernster Abwehrtechnik und dem entsprechenden Personal ausgestattet wird, ist das sehr teuer: "Ich glaube, deswegen muss bewusst abgewogen werden, welche Bereiche muss ich aktiv schützen."
Es könnte daher darauf hinauslaufen, nur die wichtigsten, unersetzlichsten Punkte der Energieversorgung mit Drohnenabwehr auszustatten. Und sich ansonsten in die Lage zu versetzen, im Ernstfall möglichst viel möglichst schnell zu reparieren.
Computersysteme als Schwachstellen
Ein Angriff muss aber nicht physisch stattfinden, gefährdet sind auch Computersysteme. Die müssen deshalb auf höchstem Sicherheitsstandard sein, betont Rafaela Kraus von der Münchner Universität der Bundeswehr. Sie berichtet von einem Wasserwerk in der Region Kopenhagen, das von Hackern außer Gefecht gesetzt wurde. Hinterher stellte sich heraus: Das Passwort für das angegriffene Computersystem lautete: 1234.
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