Vor dem Abgabetisch in der Villa Leon in Nürnberg bildet sich eine kleine Schlange. Seit neun Uhr morgens bringen Menschen Dinge vorbei, die sie gerne wieder loswerden wollen: Christbaumkugeln mit Katzenmotiv oder in Form einer Klorolle, ein Karaoke-Mikrofon oder einen Damenrasierer. Nicht alles, was unter dem Christbaum lag, traf offensichtlich den Geschmack der Beschenkten. Nun sollen die ungeliebten Geschenke beim "Markt der langen G'sichter" neue Besitzer finden.
"Ausrutscher" unterm Hammer
Eine Frau in der Schlange hat eine XXL-Heißluftfritteuse mitgebracht. Sie sagt: "Das Gerät ist viel zu groß für unsere kleine Wohnung. Ich wüsste nicht, wo ich es lagern soll, aber jemand anderes kann es vielleicht brauchen." Wie viele hier möchte sie lieber nicht ihren Namen sagen und wer die schenkende Person war. Eine andere Frau hat eine LED-Weihnachtsbeleuchtung für den Garten mitgebracht, die kam von ihrer Mutter, trifft aber nicht ihren Geschmack.
Um Punkt 10 Uhr startet die Versteigerung in der Villa Leon – die LED-Beleuchtung findet für 15 Euro tatsächlich schnell einen neuen Besitzer.
Versteigerung für einen guten Zweck
30 Prozent der Einnahmen beim Markt der langen G'sichter kommen in diesem Jahr dem Verein "Foodsharing Nürnberg" zugute. Er kümmert sich darum, dass keine Lebensmittel verschwendet werden. 70 Prozent bleiben bei den Spendern der Geschenke. Dinge, die noch zu gebrauchen sind, sollten nicht im Müll landen oder auf dem Dachboden verstauben, das sei der eigentliche Sinn der Veranstaltung, sagt Michael Rösch, Pressesprecher des Abfallwirtschaftsbetriebes (ASN) der Stadt Nürnberg: "Am Anfang war es so, dass die Müllfahrer festgestellt haben, dass nach Weihnachten viele originalverpackte Waren in den Containern lagen, die wollten wir retten." Das ist fast 30 Jahre her. Mittlerweile genießt der Markt der langen G'sichter Kultstatus. Die Villa Leon ist bis auf den letzten Platz besetzt.
Kabarettisten und Musiker auf der Bühne
Einige Besucher sind nur wegen des Unterhaltungswerts der Veranstaltung gekommen. Sie amüsieren sich zum Beispiel, wenn der Nürnberger Kabarettist Sven Bach eine "Powerbank" anpreist. Die habe es auch schon früher gegeben, sagt Bach: "Da stand die am Hof, und die Bauersleut' haben sich auf der 'Bauerbank' a ihre Akkus aufgeladen". Die Powerbank wechselt für 19 Euro ihre Besitzer, mehr hätte sie im Laden vermutlich auch nicht gekostet. Aber den Spaß sei es wert, findet der Käufer. Am Nachmittag schwingen neben Radiomoderatoren auch Mitglieder der Comödie Fürth oder der Schlagzeuger Yogo Pausch den Versteigerungshammer.
Weniger "Schrott" in diesem Jahr
Tatsächlich war der Tisch mit den ungeliebten Geschenken in den vergangenen Jahren schon deutlich voller – was die Veranstalter vom Abfallwirtschaftsbetrieb Nürnberg freut. Offenbar sei man dem Ziel des Marktes, dass weniger "Schrott" verschenkt werde, schon ein Stück näher gekommen. ASN-Sprecher Michael Rösch rät, sich mehr Zeit zu lassen und zu überlegen, was dem Beschenkten wirklich gefallen könnte. Statt Geld für Geschenke auszugeben, könne man auch gemeinsame Zeit, zum Beispiel Spiele- oder Kochabende, verschenken. Oder praktische Dinge, wie Bahntickets, Reparatur-Gutscheine, einen Friseurbesuch oder gar die Fahrt zum Wertstoffhof. So lasse sich vielleicht im nächsten Jahr der Berg an sinnlosen Geschenken noch weiter eindämmen.
Im Video: Ungewünschte Geschenke finden beim Markt der langen G´sichter einen neuen Besitzer
Auch die Christbaumkugel mit Katzenmotiv kam unter den Hammer.
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