Sieg für Schwarz-Grün – am Kickertisch. Bei der Eröffnung der neuen Deutschlandzentrale von Amazon in München konnten Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und der künftige Oberbürgermeister (OB) Dominik Krause (Grüne) kürzlich das Zusammenspiel schon mal üben. Mit 1:0 gewannen sie gegen Arbeitsministerin Ulrike Scharf (CSU) und Amazon-Deutschland-Chef Rocco Bräuniger. "Herr Krause und ich wurden gleich zusammengewürfelt in einem gemeinsamen Team", sagte Söder und scherzte: "Haben auch gleich gewonnen überraschenderweise. Würde im Landtag den einen oder anderen verunsichern."
- BR24.de und BR24 TV senden um 16.00 Uhr ein Interview mit Dominik Krause
Denn Söder im Team mit einem Grünen ist das Gegenteil dessen, was der CSU-Chef in den vergangenen Jahren politisch propagiert hatte: "Schwarz-Grün ist ein No-Go!" Söders Wahlkampfspruch, den Grünen fehle das Bayern-Gen, schafft es bis heute immer wieder in Landtagsreden von CSU-Abgeordneten. Nun bekommt es der Ministerpräsident in München mit einem grünen OB zu tun. Nur ein Kilometer trennt die Staatskanzlei und das Rathaus, in dem von Freitag an offiziell Krause die Nummer eins ist.
Krause-Sieg trotz "Lex Reiter"
Mit dem bisherigen Oberbürgermeister, Dieter Reiter (SPD), hatte Söder sich über die Jahre arrangiert. Sechs weitere Jahre mit dem Sozialdemokraten wären dem CSU-Politiker lieber gewesen als ein Grüner. 2023 kippten CSU und Freie Wähler im Landtag die Altersgrenze von 67 Jahren für Bürgermeister und Landräte – so mancher sprach von einer "Lex Reiter", einem Dieter-Reiter-Gesetz. Denn es hätte dem 67-Jährigen eine dritte Amtszeit ermöglicht.
Dass ein Grünen-Herausforderer gegen den langjährigen OB Reiter eine Chance haben könnte, galt lange als unwahrscheinlich. Letztlich setzte sich Krause aber klar gegen Reiter durch. Darüber, wie entscheidend dafür die Affäre um seine Ämter beim FC Bayern war, lässt sich viel spekulieren. CSU-Chef Söder stellte Krauses Sieg vor allem als Reiters Misserfolg dar: In München habe es keine Wahl von Krause gegeben, "sondern eine Abwahl von Dieter Reiter".
Söder: Ämter bringen auch Reifeprozesse
Fest steht: An einer Zusammenarbeit des Ministerpräsidenten mit dem neuen OB führt kein Weg vorbei. "Das geht nicht anders", sagt die Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing, Ursula Münch, und verweist auf die Einwohnerstärke sowie die Bedeutung Münchens für Wirtschaft, Forschung und Entwicklung. Berührungspunkte gebe es nicht nur beim Oktoberfest-Anstich, sondern auch bei Firmen-Ansiedlungen und Infrastrukturprojekten.
Für Söder ist eine "vernünftige Zusammenarbeit" ebenfalls "zwingend": bei der Olympia-Bewerbung, der Internationalen Automobil-Ausstellung, dem Flughafen. Er biete eine "faire" Kooperation an, sagte der Ministerpräsident, ließ aber eine Spitze gegen den 35 Jahre alten Krause folgen: "Meistens ist es so, dass die Ämter ja auch Reifeprozesse bringen." Dabei hat Krause trotz seines vergleichsweise jungen Alters schon einige politische Erfahrung: Im Stadtrat sitzt er seit zwölf Jahren, er war Vorsitzender der Münchner Grünen und Fraktionschef im Stadtrat, seit 2023 ist er zweiter Bürgermeister.
Was Krause an Söder schätzt
Im BR24-Interview kündigt Krause an, bald den direkten Austausch mit dem Ministerpräsidenten zu suchen. Das erste Aufeinandertreffen nach der Wahl bei Amazon sei sehr angenehm gewesen. "Wir haben festgestellt, dass Freistaat und Stadt sich gegenseitig brauchen und dass wir vor allem dann erfolgreich sind, wenn wir eben gut zusammenarbeiten."
Als Wegbereiter für Schwarz-Grün in Bayern sieht sich Krause dabei nicht unbedingt: "Das ist jetzt nicht mein allererstes Anliegen. Mein allererstes Anliegen ist, die Münchner Interessen gut zu vertreten gegenüber der Staatsregierung." Was er an Söder besonders schätzt? Lange Pause, dann die Antwort: "Ich glaube, dass er schon für die bayerischen Interessen auch in der ganzen Bundesrepublik gut eintritt. Ob er das immer mit dem richtigen Ton tut, ist eine andere Frage."
Eine Brücke schlagen?
Dass Söder – bei aller Anti-Grünen-Rhetorik – auch mit Grünen pragmatisch zusammenarbeiten kann, hat er im Umgang mit dem Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), gezeigt. Jetzt gilt es, auch in der bayerischen Landeshauptstadt ein schwarz-grünes Miteinander hinzubekommen.
Söder und Krause werden jedenfalls viel miteinander zu tun haben, wie Politologin Münch sagt. Dabei könne durchaus eine Brücke geschlagen werden zu einer parteiübergreifenden Zusammenarbeit, "die unter Umständen dann auch beiden hilft, das eine oder das andere Feindbild ein bisschen weiter nach hinten rücken zu lassen".
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