"Das ist momentan schon eine Preislage, die uns bedenklich stimmt", erklärt Landwirt Sepp Andres. Noch im vergangenen Jahr hat er fast 20 Cent mehr pro Kilogramm Milch bekommen. Gemeinsam mit seinem Sohn führt er den Zacherlhof in Ebrach – einen konventionellen Milchviehbetrieb mit 70 Kühen. "Wenn man sich das als Arbeitnehmer vorstellt: Wenn etwa ein Drittel des Lohns wegbricht, ist das natürlich sehr schwierig." Der Zacherlhof ist kein Einzelfall: In Bayern, europaweit und global sinken die Preise für konventionelle Milch.
Überangebot drückt Milchpreis
In Oberbayern bekommen Landwirte aktuell zehn bis 20 Cent weniger pro Kilogramm Milch als noch vor einem Jahr. Hauptgrund ist ein Überangebot von bis zu zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Gründe dafür sind vielfältig, erklärt Susanne Glasmann vom Verband der Bayerischen Privaten Milchwirtschaft (VBPM): "Eine sehr gute Futtergrundlage spielt eine wichtige Rolle. Außerdem war es im letzten Sommer nicht so heiß. Insgesamt hatten wir günstige Bedingungen für die Milchproduktion."
Besseres Futter bedeutet mehr Milch – und damit ein höheres Angebot bei gleichbleibender Nachfrage. Das drückt die Preise.
Hohe Betriebskosten verschärfen die Lage
Hinzu kommt eine "Explosion der Kosten", unter anderem infolge geopolitischer Konflikte, erklärt der Geschäftsführer des Verbands der Milcherzeuger Bayerns (VMB), Hans-Jürgen Seufferle. Landwirt Andres spürt das deutlich: "Gerade im Frühjahr haben wir die Aussaat im Mai und den ersten Schnitt, den wir gerade einfahren. Dafür brauchen wir viel Energie und viel Diesel."
Wirtschaftlicher Druck wächst
Die gestiegenen Kosten verschärfen die Situation. "Die Rentabilität ist im Keller", sagt Andres vom Zacherlhof. "Wir müssen schauen, dass wir die Kosten irgendwo einfangen – sei es über die Menge oder über die Stückzahlen, die wir produzieren. Aber auch das hat irgendwann ein Ende."
Er befürchtet, dass die aktuelle Lage den Strukturwandel beschleunigt: Immer mehr, vor allem kleinere Betriebe, könnten aufgeben. "Landwirtschaft ist nicht bloß Romantik, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen. Man muss davon leben können. Wenn das nicht mehr gegeben ist, muss man irgendwann den Schlussstrich ziehen – so schwer das fällt."
Stau in Molkereien
Der Preiseinbruch trifft neben den Landwirten auch die Molkereien. Zusätzlich kam die große Milchmenge für viele überraschend: "Obwohl ich einige Jahre Erfahrung habe, habe ich mit so einer Menge nicht gerechnet", erklärt Seufferle vom Verband der Milcherzeuger Bayern.
Die Folge: "Wir stoßen an unsere Verarbeitungskapazitäten", so Glasmann, die Geschäftsführerin des VBPM. Zudem verhandeln die Molkereien die Preise mit dem Einzelhandel. Die Herausforderung: "Wir müssen hart verhandeln."
Für solche Krisenzeiten fordert Glasmann Unterstützung durch die Politik: eine sogenannte Risikoausgleichsrücklage. Damit könnten Unternehmer in guten Jahren Geld steuerfrei zurücklegen – und in schlechten Zeiten darauf zurückgreifen. Dafür setzt sich laut dem Bayerischen Landwirtschaftsministerium auch die Politik ein.
Weniger Bürokratie statt neuer Auflagen
Mit weiteren Forderungen ist der Geschäftsführer des Verbands der Milcherzeuger Bayern (VMB) Hans-Jürgen Seufferle zurückhaltend. Er fürchtet: "Wenn wir zu schnell nach irgendwas rufen, muss das umgesetzt und verwaltet werden. Verwaltung heißt Bürokratie, aber wir wollen ja Entbürokratisierung."
Das bestätigt auch Andres vom Zacherlhof. Dokumentationen würden immer mehr Zeit in Anspruch nehmen: "Unsere jungen Landwirtinnen und Landwirte sind hervorragend ausgebildet, aber trotzdem werden wir damit zugeschüttet. Da fehlts einfach am Vertrauen und das ist ein gesellschaftliches Problem."
Regional kaufen unterstützt Landwirte
"Verbraucher könnten Landwirte unterstützen, indem sie gezielt zu regionalen Produkten greifen", erläutert Landwirt Andres: "Ich verstehe, wenn jemand sagt: Ich kann es mir nicht mehr leisten und muss zum günstigsten Produkt greifen. Aber dann muss man auch mit den Konsequenzen rechnen – dass Betriebe vor Ort schließen".
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