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Zwischen 2020 und 2024 hat die bayerische Polizei die Anzahl der Kameras zur Videoüberwachung in Bayern von 95 auf 141 aufgestockt. Wie Bayerns Innenministerium auf BR24-Anfrage mitteilt, ist die polizeiliche Videoüberwachung an "kriminalitätsbelasteten Orten" ein zentraler Schwerpunkt der Sicherheitsstrategie. Demnach unterstütze Videoüberwachung die Polizei bei der Aufklärung von Delikten und sorge für Entlastung von Einsatzkräften. Und: "Die Videoüberwachung wirkt abschreckend auf potenzielle Straftäter", so das Ministerium.
Verhindert Videoüberwachung Straftaten?
Bei BR24 diskutierten User über den Sinn und Nutzen von Videoüberwachung. So schrieb der Nutzer "Hubert72537", dass Videoüberwachung viel kosten würde und nur Aufklärungshilfe leisten würde, jedoch keine Prävention. "Gruengut" kommentierte: "(...) Täter meiden sichtbare Kameras (...) Aber: Kriminalität verschwindet nicht, sie verlagert sich (...)." Überwachung würde das Problem verschieben statt lösen.
Abschreckung? Nur bei rational agierenden Tätern wirksam
"Die Idee hinter Videoüberwachung ist, dass ein Täter, der grundsätzlich motiviert dazu ist, eine verbotene Handlung zu begehen, die Kamera sieht – und sich davon abschrecken lässt", sagt Christian Wickert, Dozent für Soziologie und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Es werde also davon ausgegangen, dass der oder die Täterin eine rationale Entscheidung trifft. Doch das sei nicht immer so.
"Die Mehrzahl der kriminellen Handlungen wird nicht von Menschen begangen, die zum Tatzeitpunkt Herr ihrer Sinne sind", so Wickert. Oft würden sie etwa im Affekt handeln oder unter Drogen stehen. Professionelle Trickdiebe würden sich durch eine Kamera also eher abschrecken lassen als ein betrunkener Randalierer oder emotional aufgewühlte Jugendgruppen zum Beispiel.
Bei Trickdieben würden die Kameras in der Regel aber auch nicht dazu führen, dass sie keine Taten mehr begehen, sagt Wickert. "Rational agierende Täter würden versuchen, das Entdeckungsrisiko zu minimieren und woanders hinzugehen." Das nenne man Verdrängungseffekt.
"Videoüberwachung soll häufig für etwas herhalten, für das sie nicht taugt. Sie wird häufig als Präventivmaßnahme verkauft, die Kriminalität verhindern soll." Doch die Forschungslage sei relativ eindeutig: "Das tut sie nicht. Das kann sie gar nicht", so Wickert.
Videoüberwachung hilft Ermittlern, aber "kein Allheilmittel"
"Videoüberwachung ist kein Allheilmittel, sie passt nicht überall", sagt auch Rita Haverkamp, Stiftungsprofessorin für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sie erleichtere der Polizei die Ermittlung von Tatverdächtigen, sofern die Täter nicht maskiert sind, so Haverkamp.
"Die Videoüberwachung ist oft Bestandteil eines Maßnahmenpakets zur Erhöhung der objektiven und subjektiven Sicherheit." Das könne dazu beitragen, dass die Kriminalität sinke. In klar eingegrenzten Bereichen, wie etwa Parkhäusern, könne sie, etwa in Kombination mit einer besseren Beleuchtung, dazu beitragen, dass die Kriminalität dort sinke.
Beide Experten sagen: In den meisten Fällen sinke die Zahl der Delikte und Straftaten durch Videoüberwachung nicht beziehungsweise nur gering. "In den ersten Tagen und Wochen scheint es zu funktionieren, aber es setzt sich schnell ein Gewöhnungseffekt ein und die Maßnahme verpufft", sagt Wickert.
Bayerisches Innenministerium: "Videoüberwachung klar bewährt"
"Der Einsatz polizeilicher Videoüberwachung hat sich in Bayern klar bewährt", teilt ein Innenministeriumssprecher mit. "Die Bayerische Polizei konnte damit bereits zahlreiche Straftaten schneller aufklären und potenzielle Täter abschrecken." Die Kameras sollen demnach an sogenannten Hotspots die Polizisten vor Ort ergänzen, Ermittlungen beschleunigen und das Sicherheitsgefühl der Menschen stärken.
In der Bevölkerung werde die Videoüberwachung in Deutschland weitgehend akzeptiert und sei positiv konnotiert, so Haverkamp. "Manche Besucher eines Raums fühlen sich sicher, wenn er videoüberwacht ist", erklärt auch Wickert. Es gebe aber auch einen gegenteiligen Effekt: Andere Leute würden sich unsicher fühlen, weil die Kamera suggeriere, dass es "hier wohl gefährlich sei". Unter Kriminologen gebe es Kritik an der Videoüberwachung, weil sie nicht bei den Kernursachen von Kriminalität ansetzen würde. "Sie versucht nicht, auf die Akteure selbst einzuwirken", argumentiert Wickert. Andere Aspekte wie Datenschutz werden ebenfalls gesellschaftlich diskutiert.
Soziale Kontrolle als Alternative?
Eine mögliche Alternative zur Videoüberwachung sei aus kriminologischer Sicht die soziale Kontrolle, sagt Wickert. Praktisch hieße das, den öffentlichen Raum attraktiv zu gestalten, sodass sich Menschen dort gerne aufhielten. Viele deutsche Innenstädte wären nach Ladenschluss verwaist. Würde man hingegen Wohn- und Geschäftsviertel nicht räumlich trennen und neben den geschlossenen Geschäften ansprechende Parks, Cafés oder Spielplätze geben, dann würde die soziale Kontrolle erheblich steigen, sagt er.
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