Sie kamen mit viel Getöse. Vom Marienplatz zogen im Herbst 1986 die ersten bayerischen Grünen-Abgeordneten zum Landtag, mit Musik und einem "Geschenk" für Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU): durch Tschernobyl-Regen verstrahltes Heu. Einen Großteil beschlagnahmte unterwegs die Polizei, wie sich Hartmut Bäumer erinnert. "Ich hatte das aber geahnt und hatte ein kleines Päckchen Heu in meinem Rucksack." So konnte er Strauß neben Sonnenblumen auch leicht radioaktives Heu überreichen: ein Statement gegen Atomkraft.
Ein halbes Jahr nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl war den Grünen im Oktober 1986 der Sprung in den Landtag gelungen. Anfangs seien sie fast "wie Aussätzige" behandelt worden, sagt Bäumer. "Kein CSUler durfte uns mit 'Kolleginnen' oder 'Kollegen' ansprechen." Unter Strauß sei "kein Grüner, von Garmisch bis Hof", zu öffentlichen Empfängen eingeladen worden. Allerdings waren auch die Grünen nicht zimperlich mit der CSU, wie Margarete Bause einräumt, zusammen mit Bäumer anfangs Fraktionschefin: "Wir haben gern provoziert."
CSU-Gäste unter vielen Grünen
Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt die 40-Jahr-Feier der Grünen-Fraktion am Montagabend im Landtag: Unter den 600 Festgästen sind neben vielen Parteifreunden und Vertretern von Verbänden und Gewerkschaften auch einige CSUler: Landtagspräsidentin Ilse Aigner als Hausherrin, Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein, Ex-Vize-Ministerinpräsidentin Christa Stewens, der Günzburger Landrat Hans Reichhart und – in grünem Anzug – der CSU-Abgeordnete Steffen Vogel.
Aigner gratuliert den Grünen in einem Grußwort zur Erfolgsgeschichte: "Ganz offensichtlich sind Sie gekommen, um zu bleiben." Seit ihrem Einzug 1986 mit 15 Abgeordneten hätten sich die Grünen mehr als verdoppelt. Aber es gehe nicht nur um Zahlen, sondern auch um Haltung: "Natürlich sind die Grünen in tiefstem Verständnis Demokratinnen und Demokraten."
Wackersdorf, Müllentsorgung und Dresscode
Stewens erinnert daran, dass die CSU-Frauen in den 1990er Jahren von den Grünen beim Gleichstellungsgesetz stark unterstützt worden seien. Die Grünen selber nehmen für sich in Anspruch, in den 40 Jahren eine Menge im Landtag und in Bayern verändert zu haben – durch Druck im Parlament und auf der Straße: das Aus für die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf 1989 zum Beispiel, Fortschritte bei der Müllentsorgung in den 1990er Jahren und beim Umweltschutz in den vergangenen zwei Jahrzehnten, aber auch die Tatsache, dass bis heute nicht mit dem Bau einer dritten Startbahn am Münchner Flughafen begonnen wurde.
Und ganz nebenbei hätten die Grünen auch den Dresscode im Landtag verändert, modisch neue Akzente gesetzt, sagt Fraktionschefin Katharina Schulze. Sepp Daxenberger – Landwirt und bis zu seinem frühen Tod Galionsfigur der Grünen – sei einmal vom Landtagspräsidenten ermahnt worden, er sehe aus, als komme er aus dem Kuhstall. Seine Antwort: "Mir sind die Leute lieber, die aussehen, als kämen sie aus dem Kuhstall, als die, die aussehen, als kämen sie vom Versicherungsbetrug."
Der Traum von Schwarz-Grün
Zum Jubiläum will die Grünen-Fraktion aber nicht nur zurückblicken, sondern auch nach vorn. "Wir sind fest in diesem Land verwurzelt. Selbst das lauteste Grünen-Bashing hat daran nichts geändert", sagt Fraktionschefin Schulze. Nun gelte es, das nächste Kapitel der bayerischen Geschichte mitzuschreiben – heißt: in Bayern endlich mitzuregieren. Dabei ist den Grünen klar: Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Freistaat ginge das in absehbarer Zeit nur mit der CSU.
Die grünen Landtags-Pioniere der ersten Jahre attestieren der CSU, in der Zwischenzeit "wirklich große Schritte gemacht" zu haben. Laut Schulze haben sich aber auch die Grünen verändert. Früher habe manches etwas weltfremd geklungen. Mittlerweile hätten sie gelernt, "dass Klimaschutz nur erfolgreich ist, wenn er das Leben der Menschen besser macht".
Dafür, dass Schwarz-Grün funktionieren kann, hat Ex-Fraktionschefin Bause auch ein Beispiel von den Anfängen im Landtag parat: Damals habe es im Landesparlament noch eine Sauna gegeben, die aber männlichen Abgeordneten vorbehalten gewesen sei. "Natürlich für uns ein absolutes No-Go", sagt sie. "Wir haben das angeprangert. (...) Und dann haben sich tatsächlich auch die CSU-Frauen mit uns solidarisiert." Gemeinsam habe man einen Frauen-Sauna-Tag durchgesetzt. "Es war das erste schwarz-grüne Bündnis in Bayern."
22.10.1986: 15 Abgeordnete der GRÜNEN - 8 Frauen und 7 Männer - ziehen in den Bayerischen Landtag ein
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