Einer der über 100 bayerischen Bauern, die am Donnerstag in Brüssel für ein Umsteuern der EU-Agrarpolitik demonstrieren wollen, ist Wolfgang Scholz. Er hat seinen Hof mit Äckern, Wiesen und Vieh in Schwabsoien im Landkreis Weilheim Schongau. Scholz sieht es als seine Pflicht, zu demonstrieren. Wenn die Landwirtschaft in Deutschland oder hier in Bayern sehr nachhaltig betrieben werde, dann sei das gut. Doch es sei auch gefährlich, wenn die Wettbewerbsfähigkeit dabei auf der Strecke bliebe. "Und das ist sehr schade, wenn man bei uns mit höchsten Umweltstandards so nicht weiter wirtschaften sollte und stattdessen Importe aus Südamerika akzeptiert," die zu schlechteren Umweltbedingungen produziert würden.
Nachhaltige Landwirtschaft seit Jahrhunderten in Familienbesitz
Den Bauernhof hat Scholz' Familie seit Ende des Dreißigjährigen Krieges. Heute sind es etwa 75 Hektar, vorwiegend Wiesen und Felder, auf denen Feldfutterbau betrieben wird. Angebaut wird Mais, Luzerne, Weizen und Gerste. Im Kuhstall sind 75 Plätze, im Jungviehstall etwa 60. Während er und die Kollegen zu höchsten Standards produzieren müssten, werde ihnen das Wirtschaften durch Bürokratie und steigende Auflagen weiter erschwert, so Scholz.
Wolfgang Scholz auf seinem Hof im Interview mit BR24
Ungleiche Wettbewerbsbedingungen in der Tiermast
Tierwohl spielt in Deutschland eine große Rolle, sagt der Landwirt. Die Regelungen in Südamerika sind weniger streng, etwa für große Ställe. Bei der Tiermast werden Antibiotika eingesetzt, ebenso Hormone. Das ärgert die bayerischen Bauern wie Wolfgang Scholz. Er habe keinen Medikamentenschrank mit Antibiotika, sondern rufe den Tierarzt, wenn ein Rind krank sei. Die Medikamentengabe wird dokumentiert, es gebe ein Monitoring mit dem Ziel, den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren. "All diese Dinge machen wir, das kostet viel Geld, es kostet viel Zeit. Es macht irgendwo auch Sinn, aber der Wettbewerb macht es nicht."
Ungerechter Einsatz von Pestiziden?
Auch die Situation beim Einsatz von Pestiziden sei ungerecht – zum Beispiel beim Herbizid Atrazin. Das sei schließlich in Deutschland seit Jahrzehnten verboten. Scholz erinnert sich an seine Lehrzeit, als Atrazinspuren im Gewässer nachgewiesen worden waren. Dann habe man umgestellt auf andere Mittel, die aber ein Vielfaches gekostet hätten. "Und wenn heute 40 Jahre später südamerikanische Agrarprodukte hierher importiert werden, die mit Anwendung von Atrazin erzeugt wurden, dann stimmt doch was nicht." Das Verbot sei ja sinnvoll, aber es gilt eben in der EU, nicht im Mercosur-Staat Brasilien.
In diesem Punkt dürfte der EU am Mittwochabend ein Kompromiss gelungen sein: Vertreter aus dem Europaparlament und den EU-Staaten einigten sich auf Maßnahmen zur Kontrolle, um eine Einhaltung von Produktionsstandards bei Pestiziden und Tiergesundheit auch in Mercosur-Ländern sicherzustellen.
Entwaldungsverordnung der EU – aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Ein anderes Reizthema ist die Entwaldungsverordnung. Entwaldung sei in Deutschland kein Thema, aber die Entwaldungsverordnung betreffe hierzulande Waldbesitzer, Bauern und den Handel, klagen Waldbesitzerverband, Bauernverband und Landwirtschaftsministerien in Bayern und im Bund unisono. Zwar wurde sie erneut verschoben auf Ende 2026 und ist bereits abgemildert, aber sie sei eben noch nicht vom Tisch. Auch das ärgert Landwirt und Waldbesitzer Wolfgang Scholz.
Bauernverband skeptisch, was Schutzklauseln anlangt
In dieser Woche hat das Parlament eine Schutzklausel beschlossen, die es der EU erlaubt, "im Fall einer drohenden oder bereits eingetretenen Beeinträchtigung europäischer Produzenten Zollpräferenzen zeitweise auszusetzen." Dass diese Klausel viel bewirken wird, glaubt Stefan Meitinger, Referent für Agrarpolitik beim Bayerischen Bauernverband, nicht. Denn die Landwirte hätten schon oft die Erfahrung gemacht, dass zwar Bürokratieabbau versprochen werde, aber Änderungen oft zu neuer und am Ende mehr Bürokratie führten.
Sorge wegen Kürzungsplänen im EU-Haushalt
Die aktuellen Kommissionsvorschläge, insbesondere beim EU-Haushalt, die eben Kürzungen im Bereich Landwirtschaft von über 20 Prozent vorsehen, kämen zu einer Zeit, in der die Landwirtschaft unter besonderem Druck stehe. Deshalb seien die Pläne für den künftigen Agrarhaushalt für den Bauernverband in keinster Weise akzeptabel, sagte Meitinger BR24: "Da geht es ja nicht nur um Landwirtschaft, da geht es um ländliche Räume und um das Leben dort." Das sei einer der Hauptpunkte, weswegen die Landwirte nach Brüssel fahren. Es habe für die Zukunft enorme Auswirkungen.
Wem sei gedient, wenn das Bauernsterben in Deutschland weiter beschleunigt werde, fragt auch Wolfgang Scholz. Schließlich sei Deutschland schon heute bei einigen Produkten nicht mehr in der Lage, sich selbst versorgen.
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