So viel ist klar: In Norddeutschland weht mehr Wind als in Bayern, und im Norden des Freistaats mehr als im Vorland der Alpen. Aber was folgt daraus: Wo lohnt es sich noch, Windräder zu bauen, und wo nicht mehr? Darüber gibt es eine Debatte. Gegner des geplanten Großwindparks im Chemiedreieck bei Altötting etwa finden die dort zu erwartenden Energieerträge zu schlecht, um den Bau in einem Waldgebiet zu rechtfertigen.
Im Norden weht mehr Wind. Die durchschnittliche Standortgüte in Deutschland liegt bei etwa 78 Prozent.
Wie viel Wind weht in Südbayern im Vergleich zum Norden?
Die Windverhältnisse in Deutschland werden nach der sogenannten "Standortgüte" bewertet, im Verhältnis zu 100 Prozent an einem definierten Normstandort. Die Standortgüte bei Altötting beträgt 55 Prozent. Im Landkreis Hof, wo sich schon jetzt 113 Windräder befinden, liegt die Standortgüte an vielen Stellen über 90 Prozent, an der Nordseeküste häufig über 130 Prozent.
Wichtig zu wissen: Die 100 Prozent des Normstandorts markieren nicht den durchschnittlichen Gütefaktor in Deutschland, der liegt laut einer Studie der Fachagentur Wind und Solar [externer Link] bei 74 Prozent.
Wie viel teurer ist der Windstrom aus dem Süden?
Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) regelt, dass für Strom aus Windkraft eine feste Einspeisevergütung bezahlt wird. Um die zu bekommen, müssen sich die Windparks in Ausschreibungen der Bundesnetzagentur durchsetzen. Dort bekommen jeweils die günstigsten Anbieter den Zuschlag.
Damit dabei auch windschwächere Standorte eine Chance haben, wird ihr Nachteil durch das sogenannte Referenzertragsmodell teilweise ausgeglichen – aber nicht ganz. Aktuell bekommen die windschwächsten Standorte (Gütefaktor 50 Prozent) dadurch pro eingespeister Kilowattstunde rund doppelt so viel Vergütung wie die windstärksten (Gütefaktor 150 Prozent).
Wie viel würde es sparen, die Windräder in Norddeutschland zu bauen?
Wie viel könnten die deutschen Steuerzahler bei der Einspeisevergütung sparen, wenn Windräder künftig konzentriert in Norddeutschland gebaut würden, wo der meiste Wind weht? Das hat die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) auf BR-Anfrage ausgerechnet. Im Jahr 2030 wären das bis zu 500 Millionen Euro jährlich. Dem gegenüber stehen jedoch auch Mehrkosten, weil die Stromerzeugung dann fern von den Großverbrauchern im Süden stattfinden würde und damit das Stromnetz trotz des geplanten Ausbaus überlastet wäre. Deshalb müssten häufig Windräder im Norden gestoppt werden und im Gegenzug teure Gaskraftwerke im Süden aktiviert.
Die zusätzlichen Kosten für diesen sogenannten Redispatch würden im Jahr 2030 zwischen 1,8 und 1,9 Milliarden Euro liegen. Das hat eine FfE-Studie [externer Link] gezeigt. Deutschland spart demnach durch einen regional ausgewogenen Ausbau der Windkraft unter dem Strich mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr.
Wird der Windstrom aus dem Süden auch tatsächlich vor Ort verbraucht?
Physikalisch würde der Windstrom aus dem nahen Windpark auf jeden Fall im Chemiedreieck verbraucht werden – die Elektronen gehen den kürzesten Weg. Räumliche Nähe von Produzenten und Abnehmern macht das Stromnetz stabiler.
Wirtschaftlich gesehen ist es komplizierter: Ob etwa Wacker Chemie einen direkten Stromlieferungsvertrag mit dem neuen Windpark abschließen würde, lässt ein Unternehmenssprecher auf BR-Nachfrage offen. Ein solcher Vertrag erscheint angesichts der Preisvorstellungen des Unternehmens unwahrscheinlich: Es wünscht sich einen Industriestrompreis von vier Cent pro Kilowattstunde, der auf jeden Fall vom Staat subventioniert werden müsste.
Die Einspeisevergütung nach EEG lag in den Ausschreibungen der vergangenen Jahre für einen Standort wie in Altötting zwischen neun und elf Cent pro Kilowattstunde – den Strom so zu verkaufen, wäre also für den Windparkbetreiber lukrativer. Das Betreiberunternehmen Qair ist jedoch nach eigenen Angaben auch in Gesprächen mit Stromhandelsunternehmen, die die Energie möglicherweise direkt kaufen und ohne EEG-Subvention vermarkten könnten.
Welchen Einfluss hat die Politik?
Einen sehr großen. Derzeit drängen so viele Windkraftprojekte aus dem Norden auf den Markt, dass bayerische Windparks in den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur beinahe chancenlos sind. Sie werden von windstärkeren Standorten unterboten. Bayerns Staatsregierung versucht, im Bund bessere Bedingungen für Windkraft im Süden zu erreichen, und hat dafür die Unterstützung des Bundesrats. Diskutiert werden Sonderausschreibungen für Windkraft im Süden oder ein stärkerer Zuschlag für Schwachwindregionen bei der Einspeisevergütung.
Gleichzeitig plant Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) jedoch, den Zuschlag zu verringern und den Zugang für Windkraft zum Stromnetz in vielen Regionen zu erschweren.
Schwarz-rot im Bund ist sich hier bisher uneinig. Unabhängig davon hat die Staatsregierung bereits festgelegt, dass die Planungsregionen im windschwächeren Süden des Freistaats weniger Fläche für Windkraft ausweisen müssen.
In Südbayern soll es auch künftig weniger Windräder geben als im Norden des Freistaats.
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