Nichts und niemand hat Konrad Kliegl je die Fassung verlieren lassen. Der Vorsitzende der Großen Strafkammer führte durch seine Verfahren, ohne auch nur die Stimme zu heben. Seinen Anspruch an sich selbst formuliert der nun pensionierte Vizepräsident des Landgerichts Ingolstadt wie folgt: "Man sollte präzise und am Fall bleiben und insbesondere Emotionen völlig außen vor lassen".
Und das hat der gebürtige Oberpfälzer durchgehalten – egal, wie viele Kameras auf ihn gerichtet waren, wie viele Anträge der Verteidiger seine Verfahren in die Länge zogen, wie abstrus oder schockierend die Aussagen von Angeklagten oder Zeugen auch waren.
Interessantester Prozess: Doppelgängerinnen-Mord
Als seinen interessantesten Prozess nennt der Jurist den sogenannten Doppelgängerinnen-Mordprozess: Als Vorsitzender Richter verhandelte Kliegl den Fall einer getöteten jungen Frau aus Baden-Württemberg. Eine Ingolstädterin hat die Schönheitsbloggerin über Instagram ausgewählt, weil sie ihr ähnlich sah, ein Treffen arrangiert und die Doppelgängerin dann von ihrem Komplizen brutal erstechen lassen.
Das Tatmotiv macht diesen Fall für den Richter einzigartig. Bei den meisten Morden gerate eine Situation außer Kontrolle, da gehe es um die Verdeckung einer Straftat oder Konflikte unter Freunden oder in der Familie. Anders beim Doppelgängerinnen-Mordprozess: "Für die Frau war das Motiv sicherlich, jemand zu finden, der an ihrer Stelle stirbt. Also die Geschichte mit der Doppelgängerin." Auch wenn das nicht zu Ende gedacht gewesen sei, so Kliegl. Moderne Kriminaltechnik mache es unmöglich, den eigenen Tod vorzutäuschen und dann unterzutauchen.
Beide Angeklagten, die Frau wie den Mann, hat Kliegl wegen Mordes verurteilt. Trotzdem ließ das Verfahren Fragen offen. So blieb das Motiv des Mannes bis zum Ende ein Rätsel.
Hype in den Medien und Show-Effekt in der Verhandlung
Am Doppelgängerinnen-Mord lässt sich für den Richter belegen, dass sich das Verhalten vieler Verteidiger verändert. Konrad Kliegl spricht von einem "zunehmenden Hype in den Medien und in Social Media" und nennt Beispiele aus dem Verhandlungsalltag.
"Da sagt ein Verteidiger, er braucht eine Beratungspause, um sich mit dem Mandanten zu besprechen. Man unterbricht für 20 Minuten. Der erste Weg des Verteidigers geht aber nicht zum Mandanten, sondern zur Pressebank, um einen Smalltalk mit Medienvertretern zu halten, um dann in der Presse erwähnt zu werden. Der Show-Effekt hat deutlich zugenommen."
Das, so findet der Richter, "kann zulasten der Angeklagten gehen" – und natürlich auch die Verfahren verlängern.
Goldschatz-Verfahren war Kliegls letzter Fall
Der Prozess um den gestohlenen Goldschatz aus dem Kelten Römer Museum in Manching war Kliegls letzter großer Fall. Die vier angeklagten Männer hat er zu langen Haftstrafen verurteilt, wegen professionellen Bandesdiebstahls.
Auch für einen routinierten Richter wie Kliegl war der Einbruch wegen der kulturgeschichtlich einmaligen Beute sehr ungewöhnlich, doch aus strafrechtlicher Sicht "eigentlich ein klassischer Fall von schwerem Bandendiebstahl mit unzähligen Fällen und einer teilweisen schwierigen Beweislage".
Handelskammer bot viele knifflige Fälle
Deutlich kniffliger hat Kliegl die zahlreichen Prozesse rund um den Gesellschafterstreit bei Mediamarkt-Saturn vor über zehn Jahren in Erinnerung. Während seiner Zeit bei der Handelskammer am Landgericht Ingolstadt tobte der Machtkampf zwischen dem Mehrheitsgesellschafter Metro und dem mittlerweile verstorbenen Minderheitsaktionär und Mediamarkt-Gründer Erich Kellerhals.
Herausfordernd war hier die schiere Zahl an versierten Wirtschaftsanwälten. Diesem Personalaufwand konnten die Richter am Landgericht nur mit Expertise und Überstunden begegnen.
Ruhestand der Babyboomer auch in der Justiz spürbar
Wenn nun mit ihm weitere Babyboomer in den Ruhestand gehen, werde sich das Personalproblem in der Justiz verschärfen, so prognostiziert es Kliegl, legt das Thema jedoch "in die Hände des Dienstherren", also des Staats – konkret des Justizministeriums.
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