Nach dem Angriff eines Autofahrers beim Christopher Street Day in Berlin hat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Bluttat als "islamistischen Terroranschlag" eingestuft. Auf eine derartige Motivation des Tatverdächtigen deute "alles" hin, sagte Dobrindt am Sonntag in Berlin. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte an, dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernehmen werde.
Der Tatverdächtige hat Dobrindt zufolge nicht nur sein Fahrzeug als Waffe benutzt. Er sei mutmaßlich auch mit einer Machete auf Passanten losgegangen. Zuvor hatte er am Samstagabend mit einem Auto Menschen angefahren. Bei dem Angriff starb nach Angaben Dobrindts eine Frau, 29 weitere Menschen wurden verletzt oder schwerstverletzt. Laut Polizei schwebt keiner der Verletzten mehr in Lebensgefahr.
Dobrindt: Verdächtiger in der Vergangenheit "auffällig"
Der 21-jährige Tatverdächtige ist auf der Flucht. Er ist laut Dobrindt deutscher Staatsbürger. Der 2005 in Deutschland geborene Mann habe einen libanesischen Hintergrund. Seine Mutter sei 2002 eingebürgert worden. Der Mann sei schon in der Vergangenheit "auffällig" geworden. Dobrindt sprach von einem "hohen Maß von Straftaten" und einer "islamistischen Radikalisierung" des 21-Jährigen, nach dem weiterhin intensiv gefahndet wird.
Die Ermittlungen der Behörden zielen in islamistische Kreise. Was ist nach bisherigen Kenntnissen am Samstag in Berlin passiert?
Vor der Tat: Ein Fest für Toleranz
Hunderttausende ziehen am Samstag beim Christopher Street Day (CSD) durch Berlin. Bei strahlender Sonne geht es, so die Organisatoren, um "Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft einer weltoffenen Stadt" - sowie um Lebensfreude. Das Motto: "Haltung ist hot". 83 Fahrzeuge und 55 Fußgruppen sind angemeldet - eine der größten Versammlungen für Vielfalt und Menschenrechte in Europa.
Bis zum frühen Abend verläuft der CSD überwiegend harmonisch. Am Mittag muss die Polizei eine Gegendemo von "15 Personen einer mutmaßlich rechten Gruppierung" überprüfen, etwas später werden Teilnehmende und zwei Einsatzkräfte aus einer Wohnung heraus mit einer Softairwaffe beschossen.
Im Video: ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt zum Anschlag in Berlin
ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt
Die Todesfahrt im Tiergarten
Was danach geschieht, kommentiert Ricarda Hofmann, Moderatorin der Hauptveranstaltung, auf Instagram so: "Gerade fehlen mir eigentlich die Worte. Was heute passiert ist, hat etwas in mir verändert."
Gegen 22 Uhr steuert ein weißer Kastenwagen von der Lennéstraße in den Ahornsteig im Berliner Tiergarten-Park, wo die Menge feiert. Er fährt zahlreiche Menschen an oder um, bevor er – immer noch mit einigem Tempo – an einen Baum prallt; die Airbags des Fahrzeugs öffnen sich. Der Fahrer steigt aus dem Fahrzeug und verschwindet in unbekannte Richtung.
Wohin? "Es ist Bestandteil der Ermittlungen, ob es eine zweite Tatphase nach der Fahrphase gab, in der jemand das Fahrzeug verlassen und mit möglichen Stichwaffen auf Personen eingewirkt haben könnte", sagt Polizeisprecher Florian Nath. Zeugen berichten über Personen mit Stichverletzungen, manche wollen einen schwarz gekleideten Mann mit einer Machete gesehen haben.
Danach: Evakuierung und Entsetzen statt Party
Auf den Großleinwänden der CSD-Hauptbühne am Brandenburger Tor ist danach das Wort "Evacuation" zu lesen. Der Platz davor, auf dem Hunderttausende feierten, ist bis Mitternacht verwaist - in erstaunlich kurzer Zeit hat sich der Schauplatz nach der Auflösung durch die Polizei geleert. Ein junger Mann berichtet, er sei im Tiergarten gewesen. "Wir wurden von einem Polizisten rausgeleitet, alleine sollten wir den Tiergarten nicht verlassen."
Rund um den Tatort stehen unzählige Rettungswagen, Blaulicht erhellt eine abgesperrte Straßenkreuzung. Die Berliner Feuerwehr hat ein weißes Zelt aufgebaut, um Zeugen zu befragen und Betroffene zu betreuen.
CSD in Berlin: ein mutmaßlich islamistisches Attentat schockiert die Hauptstadt.
Die Großfahndung
Während die Verletzten in Krankenhäusern versorgt werden, läuft die Täterermittlung an. "Wir fahnden mit Hochdruck nach tatverdächtigen Personen", so Polizeisprecher Nath am frühen Morgen. An die 1.000 Polizisten mit Wärmekameras und ein Hubschrauber suchen insbesondere Abdul B., den mutmaßlichen Fahrer des weißen Kastenwagens, der als "Angehöriger des islamistischen Milieus hier in Berlin" gilt. Nach Informationen von NDR, WDR und SZ war der Tatverdächtige als "Gefährder" eingestuft. Sicherheitsbehörden schätzten ihn demnach als radikalisiert und gewaltbereit ein. Wegen des Verdachts auf Vorbereitung einer terroristischen Straftat soll er bis Mai 2026 in Untersuchungshaft gesessen haben.
Ein paar Kilometer vom Tatort entfernt im Stadtteil Schöneberg verschafft sich die Polizei Zutritt zu einer Wohnung, in der sie einen Tatverdächtigen vermutet. Doch die Wohnung ist leer. Ein Fahndungsaufruf wird erlassen.
Im Video: Anschlag auf CSD in Berlin
Anschlag auf den CSD: Fahndung im islamistischen Milieu
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