Ein Freitagnachmittag am Münchner Hauptbahnhof. Was fällt Fahrgästen an Veränderungen auf in der letzten Zeit? "Die Toiletten sind viel sauberer. Komme von Berlin, das fällt auf im Vergleich zu früher", sagt eine Frau. Ein Mann lobt, dass es zum Teil bessere Preise gibt mit den Sonderangeboten von 6,99 Euro im ICE.
Er beklagt aber die vielen Zugausfälle. Eine Frau hat gehört, dass Manager entlassen wurden und erwähnt die vielen Kürzungen in der Zeit von Bahnchef Hartmut Mehdorn. Damals waren viele Bahnanlagen als unnötig erachtet worden und rückgebaut worden. Dafür "kann ja die Frau Palla" nichts. Ein Zug ist pünktlich, ein anderer hat 25 Minuten Verspätung. Wer seinen Anschluss erwischt, ist froh. Wer ihn verpasst, ärgert sich oder nimmt es mit Gelassenheit.
Veränderungen angestoßen, Manager abgestoßen
Bahn-Chefin Evelyn Palla hat im ersten Jahr viele Veränderungen bei der Bahn angestoßen: Eine Sauberkeitsoffensive in den Zügen. Der Konzernumbau findet statt. Vorstände wurden ausgetauscht, der Vorstand verkleinert. Ihr Ziel, Verantwortung in die Region zu geben, hat unter anderem zu einem Zuständigen für alle Belange der Infrastruktur-Tochter DB InfraGo geführt.
Nach einem Jahr hat die 52-jährige Südtirolerin den Rückhalt der Bundesregierung. Das hat Ulrich Lange (CSU), Staatsekretär im Bundesverkehrsministerium, jüngst im BR24-Interview bekräftigt. Doch mit dem Verlauf der sogenannten Korridorsanierungen, also Vollsperrungen für möglichst umfassende Bauarbeiten an einer Hauptstrecke, sei die Bundesregierung nicht zufrieden, heißt es.
Sieben Prozent aller Fernzüge fallen aus
Die Sanierungen werden für die Kundinnen und Kunden immer wieder zu Einschränkungen führen, so Lange. Doch nach jeder Sanierung "sind wir wieder ein Stück stabiler im Netz".
Für Bahnexperten Markus Hecht, der über Jahrzehnte den Fachbereich für Schienenverkehr an der TU Berlin geleitet hat, ist allerdings entscheidend, dass mit 7 Prozent aller Fernverkehrszüge viel zu viele Züge ganz ausfallen – obwohl sich, verglichen mit dem Anfangskonzept – inzwischen viel geändert hat.
Mehrmonatige Vollsperrungen würden der Bahn das Bauen erleichtern, seien aber kritisch für Pendler und mit viel längeren Fahrzeiten verbunden. Weil zudem der Güterverkehr weite Umleitungen fahren muss, wandern viele Kunden wieder ab und kehren zum Lkw-Transport zurück. Hecht konstatiert deshalb "einen großen volkswirtschaftlichen Schaden".
Baustellenfahrpläne oft sehr knapp
Bayerische Bahnunternehmen wie Arverio oder die Bayerische Oberlandbahn kritisieren, dass sie über Baustellen sehr kurzfristig informiert werden. "Die kriegen erst zwei, drei, vier Tage oder manchmal sogar noch knapper vorher ihre Fahrpläne zugeteilt und danach müssen sie ganz schnell losrennen, ihre Lokführerinnen und Lokführer eintakten und noch Ersatzbusse inklusive Fahrpersonal finden", sagt Bahnexperte Professor Lukas Iffländer. "Hier müsse die Bahn noch deutlich besser werden."
Pünktlichkeitswerte noch nie so schlecht wie heute
Eine Rekordzahl von Baustellen sorgt dafür, dass sich die Pünktlichkeit im Fernverkehr weiter verschlechtert hat. Sie liege unter 55 Prozent im Durschnitt und an manchen Tagen noch darunter, beklagt Bahnexperte Hecht und erinnert an den langsamen Abwärtstrend der Bahn in den letzten Jahrzehnten. "Wenn man sich an 1997 erinnert, damals war die Pünktlichkeit in fünf Minuten gerechnet vom Fernverkehr 90 Prozent, und man hat gesagt, so eine Unpünktlichkeit geht ja gar nicht." Es sei danach immer schlechter und schlechter geworden, trotz vielerlei Programme. Er rechnet nicht mit einer besseren Pünktlichkeit in den nächsten zwei bis drei Jahren.
Palla beliebt bei Mitarbeitern - Experten loben Ansätze
Bahn-Mitarbeiter und ihre Gewerkschaften loben Pallas Anstrengungen für mehr Sicherheit für die Beschäftigten. Bei der Trauerfeier für den getöten Zugbegleiter würdigte sie den Kollegen und setzte sich danach für Bodycams für Bahn-Mitarbeiter ein. Dass sie einen Lokführerschein besitzt, gibt Evelyn Palla ebenfalls ein gutes Standing unter den Lokführern.
Auch Bahnexperten wie Iffländer und Hecht loben gute Ansätze. Aber etwa bei Ausschreibungen sei noch viel zu tun, "damit Bauarbeiten in Deutschland nicht das doppelte kosten wie in Nachbarländern," mahnt Hecht. Dennoch geht der Bahnexperte davon aus, dass es noch Jahre dauern werde, bis viel mehr Menschen als heute mit der Bahn fahren, "weil sie sie für das bessere Verkehrsmittel halten".
Zum Video: Ein Jahr im Amt - Bahnchefin Palla tut sich schwer
Evelyn Palla ist seit einem Jahr die Konzernchefin. Sie hat extra den Lokführerschein absolviert - hat es aber schwer, in Fahrt zu kommen.
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