Wenn Erich Vad auf den Ukraine-Krieg blickt, dann sieht er einen "vieldimensionalen Konflikt": Neben dem Verteidigungskampf der Ukrainer spielten geopolitische Interessen Russlands und der USA eine entscheidende Rolle, sagte Vad im BR24-Interview.
Erich Vad ist Brigadegeneral außer Dienst und promovierter Historiker. Unter Angela Merkel arbeitete er als militärpolitischer Berater. Von 2006 bis 2013 war er Gruppenleiter im Bundeskanzleramt. In dieser Zeit erlebte er das Drängen der USA auf einen NATO-Beitritt und eine stärkere Orientierung der Ukraine gen Westen mit. Die deutsche Bundesregierung stellte sich dem damals entgegen – auch, "um auszubalancieren und russische Sicherheitsinteressen zu berücksichtigen", sagt Vad.
Trumps-Außenpolitik "doppelzüngig"
Die Außenpolitik der heutigen US-Administration nennt Vad "doppelzüngig". Er plädiert für einen "nüchternen" Blick auf die Ziele einer Großmacht: Frieden in der Ukraine zu stiften, sei nicht Trumps vorrangiges Interesse, argumentiert der General im Ruhestand. Trump versuche eher, Russland aus seinem engen Bündnis mit China herauszulösen und dadurch China als Rivalen der USA zu schwächen. Zudem verfolge Trump klare wirtschaftliche Interessen in der Ukraine. Festzumachen sei das etwa an Verhandlungen über Bodenschätze.
Die aktuelle Situation, in der die europäischen Staaten Waffen für die Ukraine in den USA kaufen, sei aus US-amerikanischer Perspektive "perfekt", sagt Vad. Die Vereinigten Staaten profitierten finanziell, ohne dabei direkt gefährdet zu sein, falls sich der Krieg ausweiten sollte. Dort gehe "keine Fensterscheibe zu Bruch", so Vad.
Warnung vor Eskalation
Vor einer Eskalation in Europa warnt er seit Längerem. Vad lebt in Grünwald bei München. Kürzlich hat er mit dem ehemaligen SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi den Gesprächsband "Frieden: Wie geht das?" veröffentlicht (Westend-Verlag). Es ist eines von vier Büchern, die Vad seit 2022 vorgelegt hat. Seine öffentlichen Einschätzungen zum Ukraine-Krieg boten wiederholt Anlass für kontroverse Diskussionen.
Im Februar 2023 trat er neben Sarah Wagenknecht und Alice Schwarzer als Redner auf der Kundgebung "Aufstand für den Frieden" in Berlin auf. Er unterzeichnete auch Wagenknechts "Manifest für den Frieden". Dieses beinhaltete den Aufruf zum Stopp aller Waffenlieferungen und die Forderung nach Verhandlungen. Zuletzt war Erich Vad im ZDF bei Markus Lanz und in diversen YouTube Formaten zu Gast, in denen mitunter eine "Kriegsrhetorik" in den deutschen Medien und in der Bundespolitik bemängelt wird.
Krieg in Europa verhindern
Im Kern mahnt Vad, Deutschland müsse seine eigenen Interessen selbstbewusst vertreten und schon deshalb alles daransetzen, einen Krieg in Europa zu verhindern. Die laufende Aufrüstung stellt er dabei nicht in Frage. Verteidigungsbereitschaft ist nach seinen Worten zwingend.
Der aktuelle Russland-Kurs der Bundesregierung geht ihm dennoch zu weit: Er fordert Deeskalation und eine Wiederbelebung der Drähte nach Moskau. Dass jüngst etwa Außenminister Johann Wadephul (CDU) bekräftigt hatte, die Bundesregierung bleibe offen für Dialog und wünsche sich ein anderes Verhältnis zu Russland, reicht Vad nicht.
Er plädierte im BR-Interview für eine Russland-Politik in der Tradition Adenauers: Konrad Adenauer (CDU) war als erster deutscher Bundeskanzler 1955 nach Moskau gereist, kurz nachdem Deutschland Mitglied der NATO geworden war. Der Besuch gilt als wegweisend für die Ostpolitik Westdeutschlands zu Zeiten des Kalten Krieges. Er ebnete den Weg für diplomatische Beziehungen über Blockgrenzen hinweg, fand aber auf Einladung der Sowjetunion statt.
Wadephul-Lawrow-Treffen: "Widerwillige Pflichtübung"
Das Gespräch zwischen Johann Wadephul und seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow wirke wie "eine widerwillige Pflichtübung von beiden", erklärte Vad nach dem Treffen der Außenminister am Rande der UN-Vollversammlung in New York. Einen Versuch, in echten Dialog zu kommen, könne er nicht erkennen. Diplomatie sehe anders aus.
Das ganze Gespräch mit Erich Vad, das wir am 21.9. aufgezeichnet haben, hören Sie in der aktuellen Ausgabe von BR24 Politik und Hintergrund. Politik und Hintergrund finden Sie als Podcast unter diesem Link in ARD-Sounds.
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