Zwei männliche Freunde unterhalten sich draußen in der Stadt, wobei einer von ihnen einen Rollstuhl benutzt, und demonstrieren so Inklusion und Freundschaft.
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Menschen mit Behinderungen setzen sich für mehr Inklusion ein (Symbolbild)

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Für mehr Inklusion: Weltgipfel für Menschen mit Behinderungen

Für mehr Inklusion: Weltgipfel für Menschen mit Behinderungen

1,3 Milliarden Menschen weltweit leben mit Behinderungen und kämpfen täglich mit Barrieren. Beim Weltgipfel für Menschen mit Behinderungen wollen sie Inklusion voranbringen – doch was hat sich bisher wirklich verbessert?

Über dieses Thema berichtet: BR24 im Radio am .

Flächen statt Kopfsteinpflaster, Rampen statt Stufen, Beiträge in leichter Sprache: Die Oberpfälzerin Claudia Franke kennt die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen – sie selbst sitzt im Rollstuhl und hat einen Wunsch: "Dass wir nicht immer übersehen werden – ein Großteil von uns ist nicht sichtbar."

Besonders die Politik vergesse häufig, die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zu berücksichtigen, sagt Franke. Dabei haben weltweit rund 1,3 Milliarden Menschen eine Behinderung – etwa 15 Prozent der Weltbevölkerung.

Barrieren im Alltag: Sprache, Digitalisierung, Bauen

Beim dritten Weltgipfel für Menschen mit Behinderungen sollen sie sichtbar werden: Aus über 100 Ländern kommen jetzt 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Berlin zusammen, darunter auch Franke aus Neumarkt in der Oberpfalz, die Vorsitzende des Rates der Menschen mit sogenannter Behinderung in der Lebenshilfe ist.

Themen und mögliche Verbesserungen gibt es genügend, denn nach wie vor haben Betroffene im Alltag mit Barrieren zu kämpfen. Franke erzählt im BR24-Interview von immer mehr englischen Begriffen in der deutschen Sprache: "Irgendwann weiß man nicht mehr, um was es geht, und braucht dauerhaft Unterstützung." Digitalisierung habe für Menschen mit Beeinträchtigungen zwar Vorteile, sie könne aber auch "nervig" sein, "wenn man dauernd jemanden braucht für QR-Codes".

Beim Thema Bauen fallen Franke fehlende Aufzüge und wenig rollstuhlgerechte Wohnungen ein. Kurz: Es braucht mehr Barrierefreiheit und Inklusion in allen Bereichen.

"Demokratie braucht Inklusion"

So steht es auch in der UN-Behindertenrechtskonvention, die 192 Staaten ratifiziert haben – darunter Deutschland. In Artikel 1 heißt es: "Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten." Doch an der Umsetzung hapert es, Deutschland hat Nachholbedarf, wie Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, sagt: "Menschen mit Behinderungen sind in der Regel immer noch eher in Förderschulen als in Regelschulen. Sie sind sehr oft in Werkstätten für behinderte Menschen."

Dazu kommt: Menschen mit Behinderung hätten eine um 20 Jahre geringere Lebenserwartung – wegen ungleichen Zugangs zu Gesundheitsversorgungen, wie die Weltgesundheitsorganisation in einer Studie feststellte. Sie sind weltweit stärker von Armut und Hunger, aber auch von Naturkatastrophen betroffen. Dusels Motto: Demokratie braucht Inklusion. Das Ziel des Gipfels daher auch: voneinander lernen.

VdK fordert mehr Inklusion von neuer Regierung

Ausgerichtet wird der Weltgipfel von Deutschland, Jordanien und dem Weltverband der Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderungen. Mitorganisiert wurde er vom Bundesentwicklungsministerium. Staatssekretär Jochen Flasbarth meint: In der Tat habe das Ministerium in der Vergangenheit nicht erfasst, wie viel der Arbeit und Projekte auch Menschen mit Behinderungen zugutekomme. Das wolle man jetzt ändern – nur durch Daten könne eine Verbesserung erreicht werden.

Als Ergebnis des Gipfels ist eine Abschlusserklärung geplant, die sogenannte "Amman-Berlin-Erklärung": 15 Prozent der nationalen Mittel für die internationalen Entwicklungsprogramme sollen für Menschen mit Behinderung eingesetzt werden.

"Das wäre erst einmal ein gutes Signal", meint VdK-Präsidentin Verena Bentele auf BR24-Anfrage. "Mehr aber auch nicht." Denn: Die Abschlusserklärung ist nicht verbindlich und enthält voraussichtlich keine konkreten Zusagen. Bentele fordert von der neuen Bundesregierung, "die Abschlusserklärung in ihre Vorhaben im Bereich Entwicklungszusammenarbeit strukturell einzubeziehen". Es brauche Inklusion – auf allen Ebenen, weltweit. Die Entwicklungszusammenarbeit steht derzeit aber unter einem schwierigen Stern: Die USA unter Donald Trump haben Gelder gekürzt, in Deutschland kursieren Überlegungen, das Entwicklungsministerium in seiner jetzigen Form abzuschaffen.

Positive Beispiele im Alltag motivieren

Claudia Franke aus der Oberpfalz plädiert dafür, "dass andere Länder gut unterstützt werden". Und auch in Deutschland solle die Behindertenpolitik in den Fokus rücken. "Ob sich sofort was ändert, ist fraglich", meint sie. Doch sie setzt sich weiter dafür ein, will sichtbar sein. Es sind die positiven Beispiele im Alltag, die Franke motivieren und antreiben: Sie schwärmt von einem inklusiven Orchester, in dem sie Gitarre spielt – alle zusammen, das verbinde.

Im Audio: Wohnen für Menschen mit Behinderung

Eine Person im Rollstuhl steht in einer Küche.
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Eine Person im Rollstuhl steht in einer Küche.

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