Naumburg an der Saale, Anfang August. Regenbogenflaggen. Rund 700 Menschen ziehen beim Christopher Street Day durch die Straßen des kleinen Orts. Viele sind jung. Und viele beschäftigt dieselbe Frage: Wie verändert die Landtagswahl ihr Leben? Und kann man darüber noch gut diskutieren? "Wenn rauskommt, wer auf welcher Seite steht, ist das Gespräch meistens schnell erloschen", berichtet Stefanie, die auf der Demonstration mitläuft. Eine Freundin ergänzt: "Es prägt jede Familienfeier, jeden Geburtstag – und das macht unheimlich traurig."
- Zur BR24-Reportage: "Sachsen-Anhalt vor der Wahl: Was uns zerreißt und was uns hält ".
Unsicherheit und Sorge vor Anschlägen
Unsicherheit begleitet viele junge Menschen vor der Wahl. In Zerbst/Anhalt ist Anfang August schon von Weitem das traditionsreiche Heimat- und Schützenfest zu hören. Blinkende Lichter, rasante Fahrgeschäfte. Hier ist die Sorge vor Anschlägen schnell Thema. Eine junge Mutter erzählt: "Also, wir gucken, wann wir gehen. Abends geht man gar nicht mehr." Eine andere Mutter betont hingegen mit Blick auf die anstehende Wahl, sie wünsche sich von der Landespolitik vor allem eines: "Mehr für Kitas, für Schulen tun, mehr für Familien."
Sachsen-Anhalt ist ältestes Bundesland Deutschlands
Gemessen am Durchschnittsalter ist Sachsen-Anhalt das älteste Bundesland in Deutschland. Das Vertrauen in politische Institutionen ist laut dem Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 (externer Link) bei den Jüngeren schwächer ausgeprägt als bei den Älteren. Bei der letzten Bundestagswahl wählten junge Menschen in Sachsen-Anhalt laut dem MDR fast zu 40 Prozent die AfD, dahinter lag mit 27 Prozent Die Linke. Der Wahlkampf spielt sich für sie längst auf TikTok und Instagram ab.
Selfies mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund
In der Lutherstadt Wittenberg baut die AfD ihren Wahlstand auf. Eine nicht enden wollende Schlange bildet sich – für Selfies mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. "Mein Freund ist hier voll der Fan von ihm", sagt die 24-jährige Jessica. Sie weiß noch nicht, wen sie wählt – aber was die AfD an Schulen verändern will, gefällt ihr: "Kindern mit besonderen Einschränkungen, dass sie vielleicht mehr Hilfe bekommen, also dass die getrennt werden." Sie kenne das von ihrem kleinen Bruder. "Der hat auch Einschränkungen wie ADHS und lenkt auch nur andere Schüler ab."
Veränderungen, die die AfD in Schulen umsetzen würde
Die AfD – in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft – schreibt in ihrem Wahlprogramm, das sie Regierungsprogramm nennt, sie werde "das Experiment "Inklusion" "unverzüglich beenden und die Förderschulen ausbauen". Zudem sollen Flüchtlingskinder ausschließlich in "Sonderklassen" unterrichtet werden, in denen vermittelt werden soll, dass der Aufenthalt in Deutschland "nur ein vorübergehender" sei.
Kampagnen werben für taktisches Wählen
In Bitterfeld-Wolfen demonstrieren Menschen gegen eine starke AfD. Die 16-jährige Lilli ist mit ihrer Mutter gekommen. Wählen darf sie noch nicht. Die Wahl beschäftigt sie trotzdem. Dass online über "taktisch wählen" diskutiert wird, sagt sie, sei "gerade ein sehr großer Hoffnungsschimmer" für sie.
Mehrere Kampagnen werben derzeit dafür, taktisch zu wählen, um Parteien wie SPD und Grüne sicher über die 5-Prozent-Hürde zu bringen. Solche Kampagnen sind nicht unumstritten, weil nicht alle Parteien empfohlen werden. "Ich glaube, dieses Mal will ich einfach, was ich für richtig halte", ergänzt Jennifer aus der Gruppe der Demonstrierenden in Bitterfeld-Wolfen. Bei der sogenannten U18-Landtagswahl, die keine repräsentative Studie ist, sondern ein Projekt der politischen Bildung, lag Die Linke bei denjenigen vorne, die noch zu jung zum Wählen sind.
"Machen statt Motzen"
Nicht weit entfernt, in der Gemeinde Muldestausee beschäftigen junge Menschen ganz praktische Fragen: Wie bleibt man hier mobil? Wie schafft man Treffpunkte? Und wie verhindert man, dass noch mehr Gleichaltrige wegziehen? "Hier im Jugendgemeinderat haben wir das Motto 'Machen statt Motzen‘" , sagt Maximilian Frey, Mitte 20.
Wie weckt man Interesse für Kommunalpolitik?
Der Jugendgemeinderat darf nicht nur in der Kommunalpolitik mitreden, sondern auch ein eigenes Budget verwalten. So wurde eine Skate- und Freizeitanlage angestoßen und eine "Mitfahrbank" zum Trampen aufgebaut. Die Arbeit hier weckt auch langfristiges Interesse für Kommunalpolitik: Maximilian Frey hat sich entschieden, sich bei der FDP zu engagieren – die auf landesparlamentarischer Ebene in den Umfragen kurz vor der Wahl nur bei drei Prozent liegt .
Welchen Kurs schlägt Sachsen-Anhalt in Zukunft ein? Laut MDR können etwa 110.000 junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren am 6. September ihre Stimme abgeben, etwa ein Drittel von ihnen zum ersten Mal.
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