"Das nimmt einen psychisch total mit. Der Kopf ist eigentlich den ganzen Tag am Rattern, wie man quasi Geld beschafft, um Geld zu verzocken." Ein junger Mann, der anonym bleiben möchte, sitzt in der Regensburger Fachambulanz für Suchtprobleme der Caritas, unweit des Hauptbahnhofs. Im Gespräch mit BR-Reportern erzählt er eindringlich von seiner Spielsucht.
Mit 18 habe er in Spielhallen angefangen, schnell spielte er online. Erst setzte der IT-Fachmann Geld bei legalen Websites, die in Deutschland eine offizielle Lizenz der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) haben. Solche Anbieter nennt die GGL auf ihrer Whitelist, zum Beispiel Tipico und Bwin.
Das meiste Geld verlor der Mann aber erst, nachdem er sich wegen seiner Sucht in Deutschland schon hatte sperren lassen. Dann wechselte er auf Online-Casinos, die in Deutschland keine Lizenz haben. Seiten wie "Rabona" oder "Wazamba". Auch Spielerschutz, Limits oder ein Impressum haben illegale Casino-Seiten meistens nicht.
Recherchen zeigen: Glücksspielkonzern Soft2Bet verdient an illegalen Casinos
Recherchen des Bayerischen Rundfunks mit Investigate Europe und internationalen Partnermedien zeigen jetzt, wer offenbar von zahlreichen illegalen Online-Casinos profitiert, bei denen Spieler aus Deutschland und vielen anderen Ländern hunderte Millionen Euro verlieren: der in Zypern und Malta ansässige Glücksspielkonzern Soft2Bet mit seinem Gründer Uri Poliavich.
Auf seiner Webseite nennt Soft2Bet elf legale Glücksspiel-Marken, die in Ländern wie Dänemark, Schweden und Rumänien lizenziert und auch nur dort erreichbar sind. Interne Listen, die Investigate Europe zugespielt wurden, zeigen jedoch, dass das Unternehmen daneben für viele weitere Casino-Webseiten die Infrastruktur zur Verfügung stellt. Rund 120 davon sind auch von Deutschland aus erreichbar, ohne die erforderliche Lizenz zu haben. Damit sind sie hierzulande illegal. 37 Casino-Webseiten, darunter die Seiten "Wazamba" und "Rabona" werden als "interne Marke" geführt. So steht es in den Unterlagen, die auch dem BR vorliegen.
Illegale Casino-Seiten: Millionen Aufrufe aus Deutschland
Aus diesen Unterlagen geht zudem hervor, dass Soft2Bet und verbundene Unternehmen von 2020 bis 2024 mehr als 600 Millionen Euro aus Geschäften mit illegalen Casinos erhalten haben. Tausende Seiten an Dokumenten zeigen, wie ein Netzwerk von Briefkastenfirmen und Zahlungsdienstleistern das Geld zu Soft2Bet leitet.
Eine BR-Auswertung von Daten des Web-Analysedienstes Similarweb legt nahe, dass von Soft2Bet betreute unlizenzierte Casinos alleine im Mai 2026 insgesamt etwa 8 Millionen Aufrufe aus Deutschland verzeichneten.
Im Video: Illegale Casinos - Leak enttarnt geheimes Glücksspiel-Imperium
Online-Glücksspiel: Dunkle Seiten des Geschäfts
Insider berichten von Gesprächen mit Spielsüchtigen
Nach Angaben des Bundessuchtbeauftragten leiden alleine in Deutschland hochgerechnet etwa 1,3 Millionen Erwachsene "unter einer Störung durch Glücksspielen". Zwar warnen Sucht-Experten auch vor legalen Glücksspielangeboten, auf dem illegalen Markt würden Spielsüchtige aber häufig von sogenannten VIP-Beratern zum Weiterspielen animiert.
Das Reporterteam hat darüber mit mehreren Soft2Bet-Insidern gesprochen. Eine für das Marketing zuständige Person sagte: "Es war gängige Praxis, die Konten von Spielern wiederzueröffnen, die sie wegen ihrer Sucht bereits geschlossen hatten. Man sendete ihnen SMS, E-Mails mit Boni und dann spielten sie wieder." Insider berichteten darüber hinaus von Telefongesprächen mit verzweifelten Spielern, die androhten, sich etwas anzutun. Player aus mehreren europäischen Ländern bestätigen dem Rechercheteam, am Telefon regelrecht bedrängt worden zu sein, weiterzuspielen.
Soft2Bet verweist auf Compliance-Prozesse
Soft2Bet teilt auf Anfrage mit, man sei darauf fokussiert, verantwortungsvoll und in Übereinstimmung mit den jeweils geltenden rechtlichen und regulatorischen Vorgaben zu operieren, und halte "robuste Compliance- und Governance-Prozesse" vor. Gleichzeitig drohte ein Anwalt im Namen von Soft2Bet mit rechtlichen Schritten.
Der Gründer von Soft2Bet, Uri Poliavich, Israeli mit ukrainischen Wurzeln, inszeniert sich als erfolgreicher Tech-Investor und Philanthrop. Die internen Dokumente zeigen, dass Poliavich allein im Jahr 2024 mehr als 100 Millionen Euro von Soft2Bet bekommen hat.
2020 gründete Poliavich die Yael Foundation, eine Organisation, die nach eigenen Angaben jüdische Bildungseinrichtungen weltweit unterstützt, auch in Bayern. Die Soft2Bet-Insider erzählen außerdem von Luxuswagen und ausschweifenden Partys in Dubai für Angestellte.
Suchtexperte Landgraf: Glücksspiel zerstört Familien
Konrad Landgraf von der Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern spricht im BR-Interview von einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Beim Glücksspiel würden ganze Familien ins Unglück gestürzt: "Haus und Hof verspielen, das ist nicht nur ein Spruch, sondern es passiert tagtäglich bei Menschen mit Glücksspielproblemen, dass alles verspielt wird."
Oft würden Spieler auf dem legalen Markt abhängig und wanderten dann erst in illegale Casinos ab: "Konzerne, die grundsätzlich schon illegales Verhalten zeigen, haben natürlich keine Skrupel, dann alles aus den Menschen herauszupressen." Er fordert, es müssten mehr Anstrengungen unternommen werden, um gegen illegale Anbieter vorzugehen.
GGL: Soft2Bet ein "Zwischenakteur"
In Deutschland ist für die Bekämpfung von illegalem Glücksspiel die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) zuständig. Sie teilt dem BR auf Anfrage mit, man kenne Soft2Bet als "technischen Zwischenakteur". Es lägen "keine gerichtsfesten Informationen" vor, dass die Soft2Bet-Gruppe "unerlaubte Glücksspiele" in Deutschland betreibt oder daran partizipiert. In einer Pressemitteilung schreibt die GGL dann allerdings: "Neben Maßnahmen gegen Anbieter selbst rücken zunehmend auch beteiligte Dienstleister in den Fokus." Im Kampf gegen illegale Angebote zieht die Behörde "eine generell positive Bilanz".
Der Suchtbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck (CDU) sagt im BR-Interview, die GGL müsse ihre Aufgabe im Online-Markt wirksam erfüllen können: "Dafür braucht sie die notwendigen Instrumente und einen Rechtsrahmen, der mit einem internationalen, digitalen Glücksspielmarkt Schritt hält." Hier seien vor allem die Länder gefragt.
Im Audio: Illegale Online-Casinos – wie ein internationales Imperium Spielsüchtige ausnimmt
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Über die Recherche
Dieser Artikel ist Teil der "Soft2bet Files", einer internationalen Recherche über die Glücksspielindustrie, die von Investigate Europe koordiniert wird. Medienpartner des Projekts sind der Bayerische Rundfunk, France 2, Franceinfo.fr, The Irish Times, Il Fatto Quotidiano, Svenska Dagbladet, Shomrim, The Toronto Star, Le Soir, Profil, Publico.es, Publico.pt, Reporters United, Ciren und die Times of Malta.
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