Eine deutschlandweite Störung hat am späten Dienstagabend den Zugverkehr der Deutschen Bahn (DB) weitgehend zum Erliegen gebracht. Für rund zwei Stunden standen Züge im Fern-, Regional- und teilweise auch im S-Bahn-Verkehr still. Viele Reisende waren betroffen. Erst gegen 0.30 Uhr fuhren die ersten Züge wieder.
Nach Angaben der Deutschen Bahn sei der Verkehr am Morgen wieder "weitgehend reibungslos" angelaufen, nur vereinzelt kam es zu Einschränkungen. Reisende werden gebeten, ihre Verbindungen zu prüfen. Was wir bisher wissen und welche Fragen noch offen sind.
Wie konnte dieser Totalausfall passieren? Darüber haben wir mit BR-Reporter Moritz Steinbacher, der am gestrigen Abend live für den Bayerischen Rundfunk darüber berichtete, sowie Lukas Iffländer (externer Link), dem Bundesvorstand des Fahrgastverbandes Pro Bahn gesprochen. Den Livestream finden Sie oben eingebettet über diesem Artikel.
Was war die Ursache für die Störung?
Nach Angaben der Deutschen Bahn lag die Ursache der Störung im digitalen Bahnfunksystem GSM-R, das für die betriebliche Kommunikation im Eisenbahnverkehr genutzt wird. Die DB identifizierte die Störung noch in der Nacht und konnte sie nach eigenen Angaben durch den Einsatz von IT-Experten innerhalb kurzer Zeit beheben. Dem Chef der Infrastrukturgesellschaft DB InfraGo zufolge war der "planmäßige Tausch einer technischen Komponente" beim digitalen Bahnfunksystem Auslöser für die Probleme. Nach der Stabilisierung des Betriebs sei ein Notfallsystem zum Einsatz gekommen, um den Verkehr wieder anlaufen zu lassen.
Tatsächlich ist das betroffene digitale Bahnfunksystem GSM-R weit mehr als 20 Jahre alt. Die Abkürzung steht für "Global System for Mobile Communications - Railway2 und ist den Angaben der Bahn zufolge nach wie vor Standard in allen europäischen Ländern. Ein Nachfolgesystem gibt es zwar, das sogenannte Future Railway Mobile Communication System (FRMCS). Doch noch gibt es dafür keine Zulassung von der EU. Ausgerollt werden soll es erst in den kommenden Jahren.
Welche Züge waren betroffen?
Betroffen waren nicht nur der Fern- und Regionalverkehr, sondern auch S-Bahnen und private Bahnunternehmen. In Berlin und Stuttgart stand der S-Bahn-Verkehr zeitweise komplett still. Auch der Güterverkehr war laut Branchenangaben betroffen.
Im Güterverkehr kritisieren die Wettbewerber der Bahn anhaltende Auswirkungen. "Seit Mitternacht rollen zwar vereinzelt wieder Züge", teilte die Geschäftsführerin des Wettbewerberverbands Die Güterbahnen, Neele Wesseln, am Vormittag mit. "Circa die Hälfte unserer Güterzüge steht aber verteilt im Land und an den Grenzen noch immer still."
Wie erlebten Reisende den Totalausfall?
Der Ausfall führte vielerorts zu erheblichen Problemen für Fahrgäste. Zwar wurden laut Bahnsprecher Taxi- und Hotelgutscheine ausgegeben, jedoch berichteten Reisende etwa in Frankfurt am Main, dass keine Hotelzimmer mehr verfügbar gewesen seien.
In vielen Bahnhöfen, zum Beispiel auch in München, bildeten sich lange Warteschlangen vor den Info-Schaltern. Die Informationslage vor Ort war demnach teilweise unzureichend. Unter anderem am Berliner Hauptbahnhof beklagten Fahrgäste fehlende Auskünfte. In einem Fall soll ein ICE nach Mannheim und Stuttgart nahezu leer abgefahren sein, ohne dass wartende Passagiere über die Abfahrt informiert worden seien. Andere berichteten, dass Bahnmitarbeiter trotz der angespannten Lage ansprechbar und hilfsbereit waren.
Was noch unklar ist
Unklar bleibt bislang, wodurch genau die Störung im GSM-R-System ausgelöst wurde. Die Deutsche Bahn hat die technische Ursache nach eigenen Angaben zwar identifiziert, bislang aber keine näheren Details dazu veröffentlicht. Unklar bleibt daher, welche Komponenten oder Systeme genau betroffen waren. Es ist auch offen, ob tatsächlich ein fehlerhaftes Software‑Update verantwortlich war; hierzu laufen weiterhin interne Untersuchungen.
Noch unklar ist, weshalb ein einzelnes System einen bundesweiten Komplettausfall verursachen konnte und warum bestehende Notfallmechanismen den Stillstand nicht verhindern konnten. Ebenfalls nicht geklärt ist, weshalb die Informationslage für Reisende an mehreren Bahnhöfen unzureichend war und welche Kommunikationsketten versagt haben.
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte am Morgen von dem bundeseigenen Konzern eine umfassende Aufklärung. Für Bahnchefin Evelyn Palla kam der Vorfall zur Unzeit. Am Morgen gab sie zunächst im Verkehrsausschuss des Bundestages Auskunft zur erneuten Verschiebung der Eröffnung des Fernbahnhofs Stuttgart 21 – nun muss sie ein weiteres Problem im kriselnden Bahnbetrieb erklären.
Mit Informationen von dpa
Fahrgäste stehen am Informationsschalter der DB am Bahnhof München Schlange.
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