Der russische Präsident am Schreibtisch mit Papieren
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Sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt: Wladimir Putin
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Sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt: Wladimir Putin

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"Er muss zurücktreten": Aufruhr wegen Frontalangriff auf Putin

"Er muss zurücktreten": Aufruhr wegen Frontalangriff auf Putin

Der früher kremltreue Propagandist Ilja Remeslo attackiert in beispielloser Weise den russischen Präsidenten, wirft ihm "krankhafte Gier" vor und nennt ihn "Kriegsverbrecher". Jetzt warten politische Beobachter gespannt auf die Reaktion des Kremls.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

"Der Fall ist besonders brisant und völlig unerwartet. Alle warten gespannt auf die Reaktion des Kremls", so der systemtreue russische Propagandist Sergei Markow, und mit dieser Neugier steht er sicher nicht allein [externer Link]. Grund dafür: der frühere Putin-Bewunderer und Jurist Ilja Remeslo ging auf seinem Telegram-Kanal (inzwischen 258.000 Fans) frontal auf den Präsidenten los [externer Link]: "Fünf Gründe, warum ich Putin nicht mehr unterstütze."

Konkret wirft Remeslo Putin den Krieg in der Ukraine vor, "enorme Schäden der russischen Wirtschaft und des Wohlstands", die Zensur, die faktisch unbegrenzte Amtszeit, die Nichtbeachtung der Wählerschaft und eine "wahnsinnige, fast schon krankhafte Gier nach Luxus". Remeslos Fazit: "Wladimir Putin ist kein legitimer Präsident. Er muss zurücktreten und als Kriegsverbrecher und Dieb vor Gericht gestellt werden. Es lebe die Freiheit, verdammt noch mal!"

"Wie Sie sehen, ist es ganz einfach"

Im Nachgang verwies der Blogger darauf, dass derart herbe Kritik in amerikanischen Medien völlig normal sei, wenn es um Donald Trump gehe: "Wo liegt also das Problem? Warum hat irgendjemand entschieden, dass Russland ein Land der Elefanten ist, in dem Kritik an den Machthabern (vor allem an illegitimen) verboten ist?" Nach eigener Aussage befindet sich Remeslo in Russland und will dort auch bleiben.

Nachdem er von Fernseh-Propagandist Wladimir Solowjow und anderen beschimpft wurde, legte Remeslo unerschrocken nach: "Tausende sterben, enorme Reichtümer sind verloren gegangen. Genau das ist 1917 passiert – der Krieg zerstörte den Staat und dann das ganze Land. Wäre der Krieg früher beendet worden, hätte das Russische Reich eine Überlebenschance gehabt. Daher ist es die Pflicht jedes Einzelnen von uns, der den Staat erhalten will, ein Ende des Krieges und Putins Rücktritt zu fordern. Andernfalls droht uns eine Wiederholung der Ereignisse von 1917, nur viel schlimmer. Wie Sie sehen, ist es ganz einfach."

Russische Medien berichteten [externer Link], Remeslo sei in eine psychiatrische Klinik in St. Petersburg eingeliefert worden, obwohl er bisher noch nie psychisch auffällig geworden sei. Auch diese Meldung wurde umgehend vielfach kommentiert.

"In Russland ist das eine ernste Angelegenheit"

Politologe Georgi Bovt sprach von "beispielloser Schärfe" und fragte sich und seine Leser, ob Remeslo in eine "Falle" gelockt worden sei [externer Link]. So habe auch der einstige chinesische Machthaber Mao eine scheinbare Kampagne für Meinungsfreiheit ("Lasst hundert Blumen blühen") angestoßen, allerdings nur, um abweichende Ansichten hinterher umso brutaler zu unterdrücken.

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Infotafel

Remeslo habe die ungeschriebene Regel missachtet, dass Putin selbst über jede Kritik erhaben sei: "Wenn dem Urheber dieses Präzedenzfalls nichts geschieht, wird die unumstößliche Autorität des höchsten Beamten, der die Stütze der Machtvertikale ist, untergraben. In Russland ist das eine ernste Angelegenheit."

"Aufstand im Rücken der Regierung"

Der kremlkritische Politologe Andrei Nikulin schrieb [externer Link]: "Ich weiß nicht, wohin das führen wird. Im Grunde handelt es sich um einen Aufstand im Rücken der Regierung und des Propagandaapparats. Wahrscheinlich werden sie diese abweichende Meinung unterdrücken, es wird wohl öffentliche Auspeitschungen geben, und vermutlich versuchen sie auch einfach, das Internet lahmzulegen. Damit nichts passiert. Damit nicht einmal eine Maus durchkommt."

Es sei "interessant", dass die schärfste Kritik an Putin inzwischen aus den ehemals regierungsnahen Kreisen komme. Das finden auch andere tonangebende Blogger [externer Link]: "99 % der sogenannten Z-Kriegsberichterstatter sind der Meinung, Putin müsse gehen."

Andere spekulierten, Remeslos bemerkenswerte Äußerungen seien "im Interesse einer Elitegruppe mit bestimmten Absichten" inszeniert worden [externer Link]: "Schließlich wurden einige der zentralen Probleme des Landes öffentlich und recht deutlich benannt, sodass die Chance besteht, dass zumindest einige davon auch angegangen werden. Wie man so schön sagt: Erst die Worte, dann die Taten. Offenbar wird es Fälle geben. Strafrechtliche und andere. Und nicht nur die offensichtlichen."

"Reaktion der Regierung wird entscheidend sein"

Ein weiterer anonymer Kommentator meinte [externer Link]: "Die Reaktion der Regierung wird entscheidend sein. Bleibt Remeslo auf freiem Fuß und wird er nicht als ausländischer Agent/Extremist gebrandmarkt, bedeutet dies, dass der Kreml das Fenster für Kritik von oben, einschließlich radikaler Loyalisten, bewusst erweitert."

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