Genau in der Mitte dieses Films entspinnt sich folgender Dialog, der sich ausnimmt wie das Rezept für "Extrawurst". "Du denkst auch nur noch in Klischees!“, wirft Melanie alias Anja Knauer ihrem Filmehemann Torsten (Christoph Maria Herbst) vor. Woraufhin der kontert: "Na gut, aber letztlich sind Klischees ja nur gesammelt Lebenserfahrung!"
Kulturkampf um die Wurst
In Marcus H. Rosenmüllers neuem Film nach dem Drehbuch von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, die auch schon das zu Grunde liegende Theaterstück geschrieben haben, sind mindestens so viele Klischees verwurstet wie Knoblauch in jeder Sucuk (türkische Wurst). Aber gerade die verleihen dieser cleveren Kino-Komödie den Geschmack des wahren Lebens.
Es geht in diesem Film um die Wurst. Buchstäblich wie sprichwörtlich. Am Grill fürs Sommerfest des Provinztennisclubs Lengenheide entzündet sich ein Kulturkampf. Melanie, Vorzeigespielerin des Vereins, regt bei der Jahreshauptversammlung die Anschaffung eines zweiten Grills an, damit ihr türkischstämmiger Doppelpartner Erol (Fahri Yardim) halal grillen kann – nach islamischen Vorschriften geschlachtet und natürlich ohne Schweinefleisch.
Alles ist hier Klischee
Der Vorschlag stößt nicht nur bei den alteingesessenen Vereinsmitgliedern, die sich wünschen, es möge doch bitte "hier alles normal bleiben" auf Ablehnung. Letztlich stößt Melanie damit auch Erol vor den Kopf. Der "Türke" als den Melanie ihn adressiert, der will er nämlich gar nicht sein. ("Wie? Ich bin Deutscher!")
Der Zündstoff dieser Geschichte sind die Klischees in den Köpfen, die Vorurteile, die dort bei allen Figuren des Films schwelen. Figuren – und das ist das wunderbar Doppelbödige –, die ihrerseits Klischees bedienen. Aber eben: höchst lebensnahe.
Da ist Melanie, die personifizierte Wokeness, dann ihr Mann Torsten, zugezogen aus Berlin, der mit Großstadtdünkel auf die Mitmenschen in seinem neuen Heimatort herabblickt; dazu Matthias (Friedrich Mücke), der nah am Rechtspopulismus gebaute zweite Vereinsvorstand und schließlich Heribert, erster Vorsitzender seit Menschengedenken, der den Club im Basta-Stil führt ("Wenn ich Vorschläge von Mitgliedern will, dann sag ich vorher Bescheid!").
Das Ensemble trägt den Film
Dass diese satirisch scharfgezeichneten Typen keine bloßen Abziehbilder bleiben, ist zum einen dem hochkarätigen Ensemble von Vollblutkomödianten um Hape Kerkeling als Vereinsautokrat Heribert und Christoph Maria Herbst als Mansplainer Torsten zu verdanken; und zum anderen dem Drehbuch, das keine der Figuren zur Gänze ins Unrecht setzt, aber auch keiner die volle Sympathie schenkt.
Als sich beispielsweise die ach so achtsame Melanie über die Männer-Dominanz im Verein echauffiert, Tennispartner Erol inklusive, bedient auch sie sich politisch inkorrekter Islam-Klischees. Erstaunlich, dass dieser von Markus H. Rosenmüller versiert hochtourig inszenierten Komödie, die in ihrer Anlage an ebenfalls verfilmte Boulevardtheaterklassiker wie "Der Gott des Gemetzels" oder "Der Vorname" erinnert, nicht zwischendrin die Luft ausgeht.
Humor als Lösung
Das Autorenduo Netenjakob und Jacobs weiß das zu verhindern, indem es immer neue Fronten aufmacht. Neben dem Kultur-, geht es auch um den Geschlechterkampf oder, beim Thema "Extrawurst" unvermeidlich, um Fleischkonsum kontra Vegetarismus.
Schneller als man mit dem Blasebalg so einen Grill anheizen kann, ist ein mittlerer Flächenbrand entfacht im TC Lengenheide. Wirklich gelöscht bekommt ihn auch das Drehbuch nicht. Das Feelgood-Happy-End jedenfalls mit vorhergehender Slapstick-Einlage, bei dem sich die Eskalation recht unvermittelt in Rauch auflöst, kann kaum überzeugen. Der Film als Ganzes hingegen schon – weil "Extrawurst" erfolgreich auf eine weitere Zutat setzt: Humor als Mittel, die erhitzten Gemüter herunter zu kochen.
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