Ein Soldat im Zweiten Weltkrieg (Symbolbild)
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Mariä Empfängnis: Wenn Schuld Generationen belastet

Mariä Empfängnis: Wenn Schuld Generationen belastet

An Maria Empfängnis wird gefeiert, dass Maria ohne "Erbsünde" geboren wurde. Auch wenn mit diesem Begriff immer weniger Menschen etwas anfangen können: Dass Traumata und Schuld über Generationen weitergegeben werden, ist in der Psychologie bekannt.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Glauben Zweifeln Leben am .

Am 8. Dezember ist das katholische Hochfest Mariä Empfängnis. Hinter dem sperrigen Namen steht der Glaube, dass Maria ohne "Erbschuld" auf die Welt gekommen ist. Anders als – nach offizieller christlicher Dogmatik – die ganze Menschheit. Mit der theologischen Idee der "Erbsünde" können zwar heute immer weniger Menschen etwas anfangen. Was aber die meisten aus eigener Erfahrung kennen: dass sich Schuld wie ein Schatten über ganze Familien, teilweise auch über Generationen legen kann. Und dass Kinder oftmals noch leiden unter einer Schuld, die ihre Eltern auf sich geladen haben. Doch wie geht man mit einem Familien-Trauma um? Und wie kann Maria dabei helfen?

Wie geht man mit einem Familien-Trauma um?

Der Vater von Hans Christoph Hermes hat im Zweiten Weltkrieg für die Wehrmacht gekämpft. In Polen, Frankreich und in der Sowjetunion. Nach dem Krieg erzählte er seinem Sohn nur selten von seinen Erlebnissen. "Wir haben über wichtige Themen nur sehr wenig gesprochen. Ja, ich habe gefragt über den Krieg. Ich habe ihm Vorhaltungen gemacht. Er hat mir auch geantwortet, aber das hat mich nicht zufrieden gestellt", erinnert sich Hans Christoph Hermes.

Der pensionierte Pfarrer lebt in Hannover. Er erzählt vom Schweigen der Väter. Er sei zum Moralisten geworden, der seinen eigenen Vater kritisierte. "Sechs Jahre, wo Millionen Deutsche im Krieg als Soldaten waren - das muss furchtbar gewesen sein. Für andere, aber auch für sie selber. Und dann ist der Krieg vorbei und man redet nicht darüber. Das hat Leid erzeugt. Nicht nur bei mir, sondern bei der ganzen Gesellschaft. Die gesamte Gesellschaft schien mir völlig krank zu sein", so der evangelische Pfarrer.

Die neuere deutsche Geschichte, nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust, ist vielleicht das plakativste Beispiel für eine Verstrickung von Schuld über mehrere Generationen hinweg. "Wir sind ein Stück weit unversöhnt mit den Menschen vor uns, der Generation vor uns, stehen geblieben", sagt Hans Christoph Hermes.

Maria ist seit ihrer Zeugung von Erbsünde befreit

Einer, der sich mit der transgenerationalen Weitergabe von Traumata therapeutisch und theologisch beschäftigt, ist Theologe und Buchautor Paul Imhof. Er bezieht in seine Therapie-Arbeit Figuren aus der christlichen Tradition mit ein - zum Beispiel Maria. Maria, die Mutter Gottes, ist nach katholischer Lehre seit dem Moment ihrer Zeugung im Mutterleib von der Erbsünde befreit, die seit Adam und Eva die Menschheit belastet. Das ist mit dem Ausdruck "unbefleckt" gemeint.

Paul Imhof leitet regelmäßig sogenannte Familienaufstellungen: eine Methode aus der systemischen Therapie, bei der sich Teilnehmende im Raum aufstellen und typischerweise Mitglieder einer Familie repräsentieren. Dabei werden mitunter traumatische Verstrickungen in Familien sichtbar. Paul Imhof weitet das Konzept, er stellt auch mal eine Repräsentanz vom Heiligen Geist auf. Oder jemanden, der Maria repräsentiert.

Familienaufstellung kann zur Versöhnung beitragen

Auch der pensionierte Pfarrer Hans Christoph Hermes hat an Aufstellungen von Paul Imhof teilgenommen. An eine erinnert er sich besonders: vor fünf Jahren auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge in Hildesheim. Der Teilnehmer, der damals seinen Vater repräsentierte, machte eine abfällige Handbewegung ihm gegenüber. "Das hat mich erst erschreckt. Dann habe ich gedacht: Was hat er sagen wollen? Vielleicht: Du hast gar keine Ahnung. Krieg, da steht es dir nicht zu, irgendwas zu beurteilen", erinnert sich Hans Christoph Hermes.

Die Aufstellung half ihm, seinen Vater besser zu verstehen. Und nach und nach zu würdigen, was der nach 1945 beim Wiederaufbau geleistet hatte. Für Hans Christoph Hermes – ein Stück Versöhnung mit seinem Vater.

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