Früher war nicht alles besser – das zeigt die Netflix-Doku "Sean Combs – The Reckoning" eindrücklich. Sie ist kein nostalgischer Rückblick auf die Erfolgsgeschichte des Rappers, Produzenten und Unternehmers Sean Combs alias P.Diddy, sondern eine Rekonstruktion seines Aufstiegs – und eine Abrechnung. Unter der Regie von Alexandria Stapleton und produziert von 50 Cent (Curtis Jackson) wird Combs' Leben und Wirken aufgearbeitet – und lässt kaum ein gutes Haar an ihm.
Die vier einstündigen Folgen erzählen auch ein Stück popkultureller Zeitgeschichte. Sie sind weder neutral, noch journalistisch, aber eindringlich. Wer die Doku sieht, erhält so unfreiwillig auch einen Blick auf die Schattenseiten der Geburtsstunde des Mainstream-Hip-Hop ab den frühen 1990er-Jahren. Deutlich wird: Sexismus, Misogynie und Gewalt waren im damaligen Musikbusiness kein kleiner Kollateralschaden – sondern fundamentaler Bestandteil. Der Erfolg vieler Karrieren beruht auf Ausbeutung und Machtmissbrauch. Combs' Karriere und Privatleben lassen sich fast zynisch mit seiner eigenen Aussage zusammenfassen: "Wenn du geschlagen wirst, schlägst du härter zurück."
Warum 50 Cent gegen P. Diddy austeilt
Hat Produzent 50 Cent mit dieser Doku zum finalen Schlag gegen seinen Rivalen P.Diddy angesetzt? Zumindest schwelt der Konflikt seit Jahren. Bereits in seinem Song "The Bomb" (2006) gab er Combs indirekt die Schuld am Mord an Christopher Wallace, bekannt als Notorious B.I.G.
50 Cent unterstellt Combs auch, mit dem Mord an Tupac Shakur zu tun zu haben. Combs wurde in beiden Fällen jedoch bis heute nie angeklagt. Die beiden Rapper konkurrieren auch geschäftlich: Beide Besitzer einer Modelinie und eine Vodka-Marke. Und auch 50 Cent wurde verklagt, weil er ohne Einverständnis ein Sexvideo veröffentlicht hatte.
Gegen Sean Combs sind mittlerweile über 100 Zivilklagen wegen sexueller Gewalt und Nötigung eingegangen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Doku seien noch 77 anhängig, heißt es in der Serie. Combs wurde 2025 für Sexhandel zu 50 Monaten Gefängnis verurteilt, die Vorwürfe der Vergewaltigung wurden gerichtlich abgelehnt. Für die Regisseurin Stapelton ist das geringe Strafmaß auch ein Gradmesser, wie sehr MeToo in der Branche und an Gerichten wirklich aufgearbeitet werden soll.
Weggefährten stellen Combs in ein schlechtes Licht
Anschuldigungen von ehemaligen Weggefährten bekommt man in "Sean Combs – The Reckoning" zuhauf. Der ehemalige Freund Kirk Burrowes berichtet von schmutzigen Businessdeals und Gewaltandrohungen. Zu sehen sind Rapper Erick Sermon, frühere "Bad Boy"-Künstler wie Mark Curry, Produzenten, Ex-Partnerinnen, Gang-Affiliers, sowie Frauen, die ihm sexuelle Gewalt vorwerfen – darunter Capricorn Clark und Joi Dickerson-Neal, die ihm beide Vergewaltigung vorwerfen. Ihre Aussagen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Serie. Zusammen ergeben sie das Bild eines Machtgefüges, das Combs stets zu seinen Gunsten zu nutzen wusste.
Diddy wiederum bestreitet die Vorwürfe. Seine Anwälte behaupten in einem Schreiben, 50 Cent habe Menschen bezahlt, Combs zu verunglimpfen. Wenn das stimmt, ist die Doku Rufmord.
Streit um Filmmaterial
50 Cent und Stapleton ist es aber auch gelungen, an Filmmaterial zu gelangen, das Sean Combs selbst in Auftrag gab, als er 2024 in New York City vor Gericht stand. Diese Momente gehören zu den entlarvendsten. Etwa wenn er seinen Anwälten erklärt, man brauche nun "ein bisschen Propaganda", um sein angeschlagenes Image zu retten, denn: "wir verlieren". In einer anderen Szene scherzt er nach dem Posieren für Selfies mit Fans, er müsse sich nach diesem Körperkontakt mit normalen Menschen dringend gründlich waschen.
Die Serie zeichnet das Bild eines Mannes, der gewalttätig, manipulierend, neidisch - und möglicherweise auch ein Vergewaltiger und Mörder sein soll. Auch wenn die Gewissheit ausbleibt und die Gerichtsurteile abzuwarten sind.
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