Als Mozart mit der Kutsche in Wien ankommt, übergibt er sich erst einmal auf der Straße. "Ich hatte ziemlich viel Wein heute Abend – und heute morgen...". Ja, das Rockstar-Image von Amadeus pflegt man auch in dieser Serie. Noch mehr als im Film von 1984.
Sex, Drugs and Opera – die Serie "Amadeus" auf Sky zeigt Mozart als unangepasstes Genie, das mit den Konventionen und Konservatismen seiner Zeit bricht. Moral, Hofetikette und die Meinung anderer interessieren den jungen Mozart wenig. Er lebt für seine Musik, die die Serie zum Glück auch in den Mittelpunkt der Handlung stellt.
Historisch entspricht vieles nicht den Tatsachen
Erzählt wird das Geschehen, wie im Theaterstück und im Filmklassiker, aus der Sicht von Mozarts Gegenspieler und angeblichem Mörder: Antonio Salieri. Der Italiener war Kapellmeister am Hof von Kaiser Joseph II. und war – so hat es ihm die Nachwelt angedichtet – das komplette Gegenteil Mozarts.
Ein frommer, rationaler, mittelmäßig talentierter Musik-Beamter und Neider des Genies, was historisch eher nicht den Tatsachen entspricht. Vielmehr ist diese Interpretation Geschichtsfälschung. Der missgünstige, untalentierte Italiener und der extrovertiert-geniale Österreicher sind Teil einer problematischen, nationalistischen Legendenbildung, die auch hier unkritisch übernommen wird.
Für die Dramaturgie einer guten Geschichte ist der Gegensatz allerdings Gold wert. Deshalb verlässt sich die Serie, wie schon der Film, auf diesen Konflikt. Und das geht erzählerisch voll auf.
Manches wird trivialisiert und zu sehr ausbuchstabiert
Die Serie besticht mit Opulenz, Ausstattung, mit soliden Schauspielern und großen, manchmal etwas zu großen Emotionen. Die Kamera rückt nah heran an ihre Protagonisten. Die Besetzung ist divers, der Look zeitgemäß. Der junge Mozart soll ein junges Publikum begeistern. Dafür wird die Liebesgeschichte von Wolfgang und seiner Constanze im Vergleich zum Film ausgebaut und mit beiderseitigen Affären angereichert. Auch die Politik des Österreichischen Großreiches scheint hier und da durch.
Insgesamt nimmt "Amadeus" aber den Stellenwert von Kunst und Kultur wichtiger als die historische Dokumentation – und das ist bemerkenswert und sollte auch ein älteres Publikum ansprechen: Es geht um die Frage, was Kultur in unserer Gesellschaft bewirken kann, wie sie gefördert und gebremst wird, wer Erfolg hat, wer Gehör findet – und wieso wir Genies, Vorbilder und Außenseiter brauchen.
Und auch wenn nicht jeder Dialog sitzt, manches trivialisiert und zu sehr ausbuchstabiert wird – im Großen und Ganzen ist die Serie "Amadeus" eine positive Überraschung und ein musikalisches Feuerwerk.
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