Von 2004 bis 2019 war der Professor für Volkswirtschaftslehre im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 2015 hat sich der "Wirtschaftsweise" für die Abschaffung des Bargelds ausgesprochen. Das hat er längst widerrufen.
BR24: Gibt es Pläne in Deutschland und Europa, das Bargeld abzuschaffen?
Peter Bofinger: Nein, da gibt es keinerlei Anzeichen dafür. Die Europäische Zentralbank und auch die Bundesbank sagen ganz klar, dass das Bargeld bleiben wird. Es gibt auch keinerlei Absicht, die Rolle des Bargeldes zu schmälern.
BR24: Sie haben 2015 einmal gesagt, Sie seien für die Abschaffung des Bargeldes …
Bofinger: Also zunächst mal möchte ich klarstellen - das war damals eine sehr, sehr vorschnelle Aussage, ein Statement, das ich danach auch bereut habe. Und das ist wahrscheinlich das Einzige in meinem beruflichen Leben, was ich auch wirklich widerrufen habe. Bargeld ist für die Menschen wichtig, es ist ein Teil der persönlichen Freiheit.
BR24: Was spricht aus Sicht von Befürwortern für eine Abschaffung des Bargelds?
Bofinger: So viele Befürworter gibt es gar nicht. Ich habe in Deutschland niemanden gehört, der sich in den letzten 10 Jahren explizit für die Abschaffung des Bargelds ausgesprochen hat. Natürlich kann man argumentieren, Bargeld wird auch dazu verwendet, illegale Dinge zu finanzieren: Schwarzarbeit, Drogenhandel, Terrorismus. Das sind sicher die Schattenseiten der Bargeldverwendung.
Im Video: Soll Bargeld abgeschafft werden? Possoch klärt!
Bargeld gibt den Menschen Sicherheit und Kontrolle
BR24: Was spricht für das Bargeld?
Bofinger: Es ist der Schutz der Privatsphäre. Menschen wollen die Möglichkeit haben, Zahlungen vorzunehmen, ohne dass das irgendwo niedergeschrieben und aufgezeichnet wird. Und in Situationen, wo das ganze Energiesystem zusammenbricht – wir haben ja in Spanien große Stromausfälle erlebt – hat man für den Notfall ein Zahlungsmittel, das dann eingesetzt werden kann.
BR24: Warum lieben gerade in Deutschland so viele Menschen das Bargeld?
Bofinger: Man erlebt in persönlichen Gesprächen, dass viele Menschen Angst haben, dass sie zum gläsernen Menschen werden, dass ihre Transaktionen alle nachvollziehbar sind, und dass sie sagen: ‚Nein, meine Persönlichkeitsrechte, der Schutz dessen, was ich privat tue, ist mir wichtig. Ich denke, manche Leute verwenden das auch, weil sie dann eine bessere Kontrolle über ihre Ausgaben haben, obwohl man das digital ja eigentlich auch machen kann. Leute, die heute mit Bargeld bezahlen, die bezahlen damit, weil sie es lieben, ein physisches Zahlungsmittel zu haben. So ein bisschen Freiheit ist da schon ganz gut.
Zahlungsinfrastruktur derzeit abhängig von den USA
BR24: Warum soll ein digitaler Euro eingeführt werden, obwohl es schon viele elektronische Zahlungsmöglichkeiten gibt?
Bofinger: Unsere Zahlungssysteme sind alles amerikanische Kartensysteme, also Visa, Mastercard oder auch PayPal. Das heißt, wir haben keine eigenständige europäische Zahlungsinfrastruktur. Und bei einem sehr unberechenbaren amerikanischen Präsidenten könnte dann schon mal das Problem eintreten, dass der plötzlich die Verwendung von Visa in Deutschland oder in Europa stoppt. Und deswegen ist es vernünftig, dass die EZB sagt: Wir wollen eine europäische Zahlungsinfrastruktur schaffen. Wir machen uns damit unabhängig.
Und Zahlungsplattformen sind ja auch etwas, womit man Geld verdienen kann. Also auch industriepolitisch ist das keine schlechte Sache.
BR24: Warum sind Sie dennoch kritisch gegenüber dem digitalen Euro, wie er jetzt geplant ist?
Bofinger: Die Frage ist: Wie baut man eine europäische Zahlungsinfrastruktur auf? Dafür gibt es im Grunde zwei Wege. Der eine ist, die bestehenden Systeme miteinander zu vernetzen. Genau das versucht derzeit die Europäische Zahlungsinitiative mit dem Zahlungssystem WERO. Man nutzt also die Infrastruktur, die bereits vorhanden ist, und verbindet sie miteinander. Der andere Weg ist der der Europäischen Zentralbank. Sie schafft eine komplett neue Infrastruktur und das ist in meinen Augen sehr aufwendig.
Ein weiterer Nachteil ist: Was die EZB da schafft, ist auf den Euroraum begrenzt. Das heißt, mit dem digitalen Euro kann ich in der Schweiz, in Dänemark, oder in Tschechien nicht bezahlen.
Aber wenn wir es schaffen, so eine europäische Zahlungsinfrastruktur zu erstellen, dann ist das sicher besser, als wenn wir eine solche Zahlungsinfrastruktur nicht haben.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
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