Vor wenigen Wochen wurde in Europa der Zugang zu einem US-amerikanischen KI-Modell gesperrt: technisch folgenlos, politisch ein Erdbeben. Denn das Szenario "Europe 2031" [externer Link], an dem Philip Fox vom Berliner Thinktank KIRA Center für KI-Sicherheitspolitik mitgearbeitet hatte, hatte unter anderem genau davor gewarnt. "Wir haben dieses Szenario veröffentlicht, und zwei Tage später ist genau das eingetreten", sagt Fox im BR24-Interview für "Possoch klärt". Was ihn dabei am meisten beunruhigt: Bei KI holt die Realität Warnungen nicht in Jahren ein, sondern in Tagen.
KI ist keine App, sondern Infrastruktur
KI ist längst keine Technologie unter vielen mehr. Gesichtserkennung, Navigationssysteme, medizinische Diagnostik, Behörden, Bahnbetrieb: KI steckt überall. Fox sieht sie auf einer Stufe mit Elektrizität: Wer den Zugang verliert oder nur noch auf schwächere Systeme zurückgreifen kann, landet wirtschaftlich und geopolitisch auf dem Abstellgleis.
Das Marktbild verstärkt die Sorge: Die relevanten Modelle kommen fast ausschließlich von drei US-Unternehmen. Chinesische Anbieter liefern überwiegend Open-Source-Modelle, was Missbrauchspotenzial mitbringt und das Abhängigkeitsproblem nicht löst, sondern nur tauscht. Europäische Modelle spielen bei den meisten Unternehmen keine nennenswerte Rolle.
KI füttert KI füttert KI: Eigendynamik des Fortschritts
Was Fox besonders besorgt, ist die Eigendynamik des Rückstands: Die führenden US-Unternehmen nutzen ihre eigenen KI-Agenten, um die nächste Generation KI-Agenten zu entwickeln. Wer vorne liegt, beschleunigt sich selbst. Das macht Aufholen strukturell schwerer.
Informatikerin Katharina Zweig bremst diese Einschätzung. Sie leitet als Universitätsprofessorin am Fachbereich Informatik der RPTU in Kaiserslautern das Algorithm Accountability Lab und sieht keine Belege dafür, dass das exponentielle Wachstum der Sprachmodelle so weitergeht: Neueste Modelle würden aus einem Mix aus menschengemachten und maschinenerzeugten Texten trainiert, was sie tendenziell schlechter mache. Und nach dreieinhalb Jahren öffentlicher Verfügbarkeit fehle immer noch das nächste große Ding: "Im Moment gibt es nicht die Killer-Applikation für Sprachmodelle, so wie es uns versprochen wurde."
Den versprochenen Durchbruch zur allgemeinen künstlichen Intelligenz sieht Zweig nicht vor der Tür. Gleichwohl: Auch sie sagt klar, dass ziemlich viele Services, von denen Deutschland abhänge, von heute auf morgen abgeschaltet werden könnten. Das sei keine Panikmache, sondern technische Realität.
Im Video: Kann Deutschland abgeschaltet werden? Possoch klärt!
Europas Chance liegt nicht in der Entwicklung, sondern in der Anwendung
Der Ausweg liegt möglicherweise woanders als gedacht. Der Wert des Internets liegt nicht bei den Telekommunikationsunternehmen, die es verlegen, sondern bei den Plattformen, die es nutzen. Ähnliches könnte für KI gelten: Nicht der Entwickler gewinnt, sondern wer es am cleversten anwendet und daraus neue Geschäftsmodelle baut. Das ist Europas beste Chance.
Fox und Zweig sind sich in einer Sache einig: Es ist noch nicht zu spät. Was fehlt, ist keine Technologie, sondern politischer Wille und Fokus. Fox fordert physische Kontrolle über KI-Infrastruktur auf europäischem Boden: Rechenzentren, die Europa selbst verwenden kann, wie es will und vielleicht sogar zur Not abschalten kann, sollten Verträge gebrochen werden. Das wäre kein Bettelbrief an Washington, sondern ein echter Hebel.
Zweig sagt nüchterner: "Ich finde, wir könnten auch mal aufhören zu jammern und jetzt endlich anpacken. Es gibt so viele KI-Systeme, die wir jetzt mit europäischen Werten, mit europäischen Gesetzen bauen könnten." Warum existiere noch kein Gerät, das zwanzig Jahre eigene Notizen kennt, das direkt mit dem Kalender spricht, das Reisekostenformulare automatisch ausfüllt? "Bevor wir die nicht alle gebaut haben, sollten wir mal aufhören mit dem Jammern."
Das Fenster ist offen, aber nicht lange
Der KI-Export-Stopp der USA könnte nur der Anfang sein. Fox beschreibt, was gebraucht würde, als "die ambitionierteste politische Agenda seit der Nachkriegsgeschichte": Wirtschaft, Forschung, Zivilgesellschaft und Politik an einem Strang. Wenn das Thema wieder unter den Tisch falle, weil andere Krisen die Aufmerksamkeit binden, werde Europa irgendwann nicht mehr in der Lage sein, auf Augenhöhe mit USA und China zu verhandeln.
Wer die KI-Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert künftig einen wesentlichen Teil wirtschaftlicher und politischer Handlungsfähigkeit. Europa spielt diese Partie bisher nicht. Noch läuft sie.
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