Frauen fahren – statistisch gesehen – seltener Auto als Männer. Wenn sie fahren, dann sitzen sie vergleichsweise in kleineren, älteren Fahrzeugen. Noch viel häufiger sitzen sie auf dem Beifahrersitz. All das sind mögliche Gründe dafür, warum sich Frauen bei Verkehrsunfällen mit höherer Wahrscheinlichkeit verletzen, wie Studien der US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA zeigen (externer Link). Kleinwagen sind bei einem Crash eher im Nachteil, ältere Autos haben weniger Sicherheitstechnik verbaut und der Beifahrersitz gilt als der gefährlichste Platz in einem Auto.
Auch die Körpergröße kann bei manchen Unfallarten eine Rolle spielen, wie eine kürzlich erschienene Untersuchung (externer Link) der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeigt. Bei weiblichen Insassen gibt es häufiger Beinverletzungen, was vermutlich mit der Größe zusammenhängt. Selbst die Muskelmasse ist entscheidend: Bei einem Heckaufprall verletzen sich Frauen öfter an der Halswirbelsäule, was wohl an einer weniger stark ausgeprägten Muskulatur liegt.
USA führen "weibliche" Crashtest-Puppe ein
Um Geschlechterunterschiede auszugleichen, hat die Verkehrssicherheitsbehörde in den USA kürzlich eine "weibliche" Crashtest-Puppe vorgestellt. Der 1,50 Meter große und 49 Kilogramm schwere THOR-05F ist ein Dummy, bei dem laut Hersteller Skelett, Haut und Oberflächengeometrie an den Körper einer Frau angepasst wurden. Die Puppe habe eine hohe Biofidelität, das heißt, Bewegungen und Reaktionen der Glieder, Wirbelsäule und des Beckens entsprechen denen einer Frau. Bevor Autos in den USA zugelassen werden, sollen sie künftig einen Crashtest mit THOR-05F durchlaufen.
💬 BR24-User "FrizzFantom" ging in der Kommentarspalte auf die Gewichtsangaben ein und fragte sich, ob leichte Dummys zu Ergebnissen führen, die nicht auf jeden übertragbar sind. Das Team von "Dein Argument" hat ergänzt:
Bei Dummys wird mit Perzentilwerten gearbeitet. THOR-5F steht etwa für 5. Perzentil, das heißt: Nur etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung sind kleiner und leichter als dieser Dummy. Neben dem 78 Kilo schweren 50-Perzentil-Mann gibt es einen 102 Kilo schweren 95-Perzentil-Mann. Nur fünf Prozent der Weltbevölkerung sind also schwerer als dieser Dummy. Allerdings: Diese Werte beruhen zum Teil noch auf US-Daten aus den 1970er Jahren. Wenn jemand schwerer als der THOR-05F ist, führt das nicht automatisch zu einer Verzerrung der Ergebnisse für diese Person, denn der Bereich wird durch andere Dummys abgedeckt. 💬
In der EU ist bei der Typzulassung von Autos das Dummy-Standardmodell im Einsatz, der Hybrid III 50th. Er stellt einen 1,75 Meter großen, 78 Kilogramm schweren Mann dar. Eine Vorschrift für den Einsatz "weiblicher" Crashtest-Dummys gibt es nicht – obwohl der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments bereits 2022 dazu aufrief (externer Link). Einige Autobauer wie Mercedes-Benz setzten aber bereits freiwillig "weibliche" Dummys bei hauseigenen Tests ein.
ADAC testet auch mit "Frau-Dummy" am Steuer
Auch bei Verbrauchertests sitzen hierzulande teils "weibliche" Dummys am Steuer. Im ADAC Technik-Zentrum in Landsberg am Lech zum Beispiel, wo Neuwagen kontrolliert an die Wand gefahren werden, um Sicherheitsmängel aufzudecken. "Bei uns kommt im Rahmen der Euro NCAP Crashtests der Hybrid III 5th in verschiedenen Szenarien zum Einsatz, zum Beispiel beim Full Frontal Crashtest", sagt ADAC-Sprecher Fabian Faehrmann. "Dabei fährt das Auto frontal an eine Betonwand mit dem sogenannten 'Frau-Dummy' am Steuer und diagonal auf der Rücksitzbank."
Dabei ist das Modell Hybrid III 5th nicht ganz vergleichbar mit dem Modell, das in den USA zum Einsatz kommen soll. Der "Frau-Dummy" unterscheidet sich zwar in Größe und Gewicht von seinem maskulinen Pendant, basiert aber auf männlichen Körperproportionen. Bei den Untersuchungen des ADAC sei das unerheblich, erklärt Faehrmann: "Für die Crashtests ist es wichtiger zu wissen: Wo wird der Insasse durch das Fahrzeug nicht gut genug geschützt? Für uns ist es deshalb schwierig, hier über Männer und Frauen zu sprechen, da wir vielmehr bestimmte Körpergrößen und Gewichte geschlechterunabhängig betrachten."
Unfallforschung der Versicherer: Risiko für Ältere deutlich größer
Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer (UDV), bestätigt diese Ansicht: Dass Frauen etwa im Beinbereich häufiger verletzt werden, hänge eher mit der Körpergröße als mit dem Geschlecht zusammen. Auch kleine Männer, die den Sitz nach vorne rücken, seien von solchen Verletzungen betroffen.
Einen deutlichen Unterschied macht laut UDV-Studie hingegen das Alter der Insassen. "Eine große Erkenntnis war, dass bei Menschen jenseits der 50 das Verletzungsrisiko stark zunimmt", sagt Zeidler. "Die Kräfte, die bei solch Crash-Szenarien entstehen, können besonders für ältere Menschen gefährlich werden, gerade was Brustkorbverletzungen anbelangt. Das hängt auch damit zusammen, dass die Knochen im Laufe des Lebens brüchiger werden." Zeidler fordert deshalb: "Wir brauchen bessere Dummys, die auch die alternde Gesellschaft berücksichtigen. Das heißt, die Grenzwerte bei den Messungen der Sensoren müssen auf ältere Menschen angepasst werden." Die THOR-Dummy-Generation sei dafür gut geeignet, in beiden Geschlechtervarianten.
Gleichberechtigung ist Kostenfrage
Wie schnell eine Gleichberechtigung in Sachen Crashtest-Dummies hergestellt werden kann, dürfte nicht zuletzt eine Kostenfrage sein: Die Preise liegen laut ADAC zwischen 150.000 Euro und 1,5 Millionen Euro, je nach Modell und zugehöriger Messtechnik.
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