Michael Mehringer hat ein Ziel, das ihm über alles geht: "Ich möchte wieder komplett selbstständig sein und meine Familie entlasten, damit mein engster Kreis wieder viel mehr Freizeit hat." Seit einem Unfall ist er in fast allen Lebensbereichen auf Unterstützung angewiesen. Zwar kann er seinen Rollstuhl mithilfe eines Mundstücks präzise navigieren, doch für viele alltägliche Tätigkeiten benötigt er Hilfe.
Der Tag, der alles verändert
Der Unfall geschah am 23.04.2016 auf einer Kreuzung bei Bruckmühl (Nähe Rosenheim). Michael Mehringer war mit seinem Motorrad unterwegs, wollte schnell zur Bank, um Geld abzuheben. Auf dem Rückweg übersah er ein Auto, das von einem Baum verdeckt wurde. Seine Verletzungen waren schwer und zahlreich – erst nach 14 Monaten und Dutzenden Operationen konnte Michael Mehringer aus der Klinik entlassen werden.
Die 56 Operation
Durch einen Zeitungsartikel wurde die Familie auf die Studie "Künstliche Intelligenz für Neurodefizite" am Klinikum der Technischen Universität München (TUM) aufmerksam und im Juli 2025 war es so weit: In einer rund fünfstündigen Operation erhielt Michael Mehringer eine Hirn-Computer-Schnittstelle.
Bernhard Meyer, Direktor der Neurochirurgie am TUM Klinikum, erklärt: "Die größte Herausforderung bestand darin, die Elektroden extrem präzise zu implantieren. Nur so erhalten wir exakte Ableitungen und können Hirnsignale sauber messen." Das Ziel klingt wie Science Fiction: Allein durch seine Gedanken soll er künftig sein Smartphone bedienen und langfristig sogar einen Roboterarm steuern können.
256 Elektroden: Wie die Technik funktioniert
Wenn Michael einen Gedanken fasst, erzeugen seine Nervenzellen winzige elektrische Impulse. Diese Signale werden von den feinen Drähten der Schnittstelle erfasst und an den Chip weitergeleitet, der über 256 Elektroden verfügt. Dort wertet eine Künstliche Intelligenz die eingehenden Muster aus. Mit der Zeit soll die KI immer besser erkennen, wie viele Impulse ankommen und welche Gedanken oder Bewegungsabsichten damit verbunden sind.
Je mehr Daten gesammelt werden, desto präziser kann die KI also erkennen, wenn Michael eine bestimmte Bewegung ausführen möchte. Dieser Gedanke soll dann extrahiert und in eine konkrete Aktion übersetzt werden – etwa in die Steuerung eines Mauszeigers auf dem Computerbildschirm oder später sogar in die Bewegung eines Roboterarms.
"Keine Science Fiction"
Für Simon Jacob, Spezialist für Translationale Neurotechnologie am TUM Klinikum, markiert die Implantation einen bedeutenden Schritt: "Seit Jahrzehnten gab es keine grundlegenden Fortschritte für Menschen mit dieser Art von Erkrankung. Die Belastung ist enorm, und gleichzeitig haben wir bisher so wenig anbieten können. Science-Fiction ist etwas, was unerreichbar ist in der Zukunft und ich denke, dass das keine Science-Fiction mehr ist."
Trainingseinheiten für mehr Selbstständigkeit
Zweimal die Woche kommt Michael Mehringer ins TUM Klinikum zum Training. Ein ganzes Team an Forschenden arbeitet hier mit ihm daran, seine Selbstständigkeit zurückzugewinnen. Erste Erfolge sind schon sichtbar: Wenn Michael Mehringer auf einem Bildschirm die Bewegungen eines Cursors beobachtet und in Gedanken nachahmt, können die Forschenden aus den neuronalen Daten ablesen, welche Bewegungen er sich vorstellt.
In Deutschland leben rund 140.000 Menschen mit einer Querschnittslähmung. Jedes Jahr kommen etwa 2.400 weitere Betroffene hinzu – ausgelöst durch Unfälle, Tumore, Entzündungen oder Veränderungen an der Wirbelsäule. Viele von ihnen verbringen Jahrzehnte mit den Folgen ihrer Erkrankung. Die damit verbundene Abhängigkeit von Angehörigen und Pflegepersonal bedeutet für alle Beteiligten eine große körperliche und emotionale Belastung.
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