Vor fast einem Jahr ist in München ein 25-jähriger Afghane mit seinem Auto in einen Verdi-Demonstrationszug gefahren. Eine Frau und ihre kleine Tochter sind damals gestorben, 43 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Die Bundesanwaltschaft spricht von islamistischem Terror. Der Angeklagte soll westliche Länder verantwortlich gemacht haben für das Leid in seiner Heimat.
Spekulationen um ausgestreckten Finger
In einer dicken grünen Winterjacke betritt der junge Mann am Freitag den Gerichtssaal in München. Sein Gesicht versteckt er hinter einer roten Aktenmappe. Vor den Kameras der Journalisten streckt er mehrfach den rechten Zeigefinger nach oben und löst damit Spekulationen bei den Zuschauern aus. Im Islam symbolisiert der sogenannte Tauhid-Finger den monotheistischen Glauben. Die religiöse Geste wird aber auch von islamistischen Gruppierungen als Erkennungszeichen verwendet.
Der Angeklagte ist sunnitischer Muslim und ist Ende 2016 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Zuletzt arbeitete er als Sicherheitskraft. Seit dem mutmaßlichen Anschlag sitzt er in Untersuchungshaft. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie es ihm gehe, antwortet er mit brüchiger Stimme: "Ist gut."
Im Video: Attentat auf Verdi-Demo - Angeklagter schweigt
Attentat auf Verdi-Demo: Angeklagter schweigt
Zwölf Seiten listen Verletzungen auf
Am längsten dauert die Verlesung der Anklageschrift – zwölf Seiten, auf denen genau aufgelistet ist, wie der 25-Jährige seinen Wagen in den Demonstrationszug gesteuert haben soll und welche Verletzungen die Menschen erlitten haben. Der Angeklagte zwinkert während der Ausführungen immer wieder heftig mit den Augen und bewegt ruckartig seinen Kopf.
Äußern will er sich danach aber nicht – weder zur Sache noch zur Person, wie es im Juristendeutsch heißt. Der erste Prozesstag ist damit nach nicht einmal einer Stunde zu Ende. Begonnen hatte er mit knapp 45-minütiger Verzögerung, denn der Andrang im Gericht war groß.
Verzögerung durch Sicherheitskontrollen
Auf der Zuschauertribüne war kein Platz mehr frei. Entsprechend lange hatten auch die Sicherheitskontrollen gedauert. Diese sind bei Staatsschutzverfahren, bei denen es in der Regel um politisch oder auch religiös motivierte Taten geht, viel aufwändiger als sonst – ähnlich denen am Flughafen.
Am Montag soll der Prozess weitergehen – dann mit der Beweisaufnahme. Als Erstes werden etwa Sachverständige und Polizeibeamte als Zeugen aussagen. Die Hinterbliebenen und Opfer werden erst später vorgeladen. Viele sind aber selbst Nebenkläger und schon deshalb oft dabei.
Verhandlung auch am Jahrestag
Für den Prozess sind fast 40 Termine angesetzt. Auch am 13. Februar wird verhandelt – also am Jahrestag der schrecklichen Ereignisse. Der Vorsitzende Richter hat aber angekündigt, dass an dem Tag auf keinen Fall direkt Betroffene vernommen werden. Denn sie sollen die Möglichkeit haben, an einer der vielen Gedenkveranstaltungen teilzunehmen.
Das Urteil könnte es Ende Juni geben. "Derzeit gehen wir von einer Schuldfähigkeit aus", sagt OLG-Sprecher Laurent Lafleur: "Aber auch das wird Gegenstand der Hauptverhandlung sein." Wie im Gerichtssaal unter Prozessbeobachtern zu hören war, wollen die Verteidiger des Angeklagten wohl auf Schuldunfähigkeit plädieren. Auf BR-Anfrage gab es allerdings noch keine Stellungnahme von den Anwälten dazu.
Im Video: Anschlag auf Verdi-Demo - Prozessauftakt am Münchner Landgericht
Prozessbeginn wegen Auto-Anschlag auf eine Demonstration
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!


