"Ich war so gerne Landrat. Man ist ein kleiner König." Das sagte Paula Volkholz einmal über sich. Die fünffache Mutter wurde 1970 im damaligen Landkreis Kötzting in der Oberpfalz zur ersten Landrätin in Bayern gewählt. Sie hatte bei der Wahl für ihren Mann Ludwig Volkholz kandidiert. Der als "Jagerwiggerl" bekannte Förster und Politiker von der Bayernpartei durfte nämlich wegen einer Vorstrafe nicht bei der Wahl antreten. Deshalb kandidierte kurzerhand seine Frau und gewann die Wahl überraschend gegen den seit 18 Jahren amtierenden Landrat von der CSU. Eine Frau an der Spitze eines Landkreises – das war damals eine Sensation.
Nur sieben von 71 Landratsposten sind weiblich besetzt
Aber auch heute – mehr als 50 Jahre danach – sind Frauen als Landrätinnen in Bayern eher selten: Nur sieben von 71 Landratsposten sind derzeit weiblich besetzt. Seit der Kreisgebietsreform 1972 gab es nach Angaben des Landesamts für Statistik bayernweit insgesamt elf Landrätinnen. Im gleichen Zeitraum haben insgesamt 267 Männer den Posten an der Spitze eines bayerischen Landratsamts besetzt.
Die erste Landrätin in Schwaben war die Ostallgäuer Kreischefin Maria Rita Zinnecker. Die CSU-Politikerin kam 2014 ins Amt. Sie gewann die Wahl gegen ihren Amtsvorgänger Johann Fleschhut von den Freien Wählern (FW).
Ostallgäuer Landrätin war die erste in Schwaben
Seit fast zwölf Jahren steht Maria Rita Zinnecker nun an der Spitze des Landkreises Ostallgäu mit seinen 142.000 Einwohnern. Zur Kommunalwahl im März hört sie aus persönlichen Gründen auf. Dass sie als erste Frau den bis dahin im Ostallgäu immer männlich besetzten Landrats-Job übernahm, sei weder im Wahlkampf noch danach in der täglichen Arbeit ein großes Thema gewesen, sagt Zinnecker heute. "Das hat nie eine große Rolle gespielt – außer bei irgendwelchen Alpha-Männern, die noch das alte Rollenbild hatten."
Das Aussehen spielt eine größere Rolle
Einziger Unterschied: Auf das Aussehen werde bei den Frauen viel mehr geachtet als bei Männern. "War man beim Friseur? Was hat sie jetzt an? Ah, jetzt hat sie eine neue Frisur …" Darauf würden die Leute sehr genau schauen. "Ein Mann kann 20 Jahre den gleichen Anzug haben, da spielt es keine Rolle. Bei Frauen wird das schon kommentiert", sagt Maria Rita Zinnecker. "Das sieht man insbesondere in den sozialen Medien."
Drei Landrätinnen am Alpenrand treten ab
Heute ist Maria Rita Zinnecker in ihrer Region nicht die einzige Landrätin. Im benachbarten Landkreis Oberallgäu sitzt seit 2020 die FW-Politikerin Indra Baier-Müller auf dem Chefsessel. Der oberbayerische Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau wird seit 2014 von Andrea Jochner-Weiß (CSU) geleitet.
Allerdings: Alle drei Kreis-Chefinnen treten bei der Kommunalwahl im März nicht mehr an. Für ihre Nachfolge kandidieren fast nur Männer auf aussichtsreichen Positionen. Nach der Wahl dürften es also weniger Landrätinnen sein am Alpenrand. "Ich finde das schade, weil wir die Politik schon auch bereichert haben", sagt die scheidende Ostallgäuer Landrätin Zinnecker. Die Tatsache, dass es nach der Wahl wahrscheinlich weniger Landrätinnen in Bayern geben wird, bezeichnet sie als Missstand.
Zinnecker: "Frauen können besser verlieren"
Frauen seien in Diskussionen konstruktiver und könnten Menschen besser zusammenbringen, glaubt Maria Rita Zinnecker. Sieg und Niederlage spielten nicht so eine große Rolle wie bei Männern. Aber: In der Politik seien Frauen nicht so präsent wie Männer – auch auf kommunaler Ebene. In allen Parteien würden sie zu wenig unterstützt, politisch aufgebaut oder motiviert für die Übernahme eines wichtigen Amtes. Bei aussichtsreichen Wahlen werden laut Zinnecker bis heute eher männliche Kandidaten platziert als Frauen.
"Ich behaupte, Frauen können besser verlieren", sagt Zinnecker. "Sie treten insbesondere an oder werden unterstützt, wenn es amtierende Gegner gibt, gegen die man gewinnen muss. Aber wenn man große Chancen hat, schieben sich gerne die Männer vorne hin."
"Wir könnten Frauen dringend brauchen!"
Maria Rita Zinnecker hofft, dass in Zukunft mehr Frauen ihrem Beispiel folgen und in die Politik gehen. "Man kann viel bewegen und es ist ein tolles Amt", sagt Zinnecker. "Ich hoffe natürlich, dass wir viele Frauen finden, egal ob im Gemeinderat, im Stadtrat, im Kreistag oder als Bürgermeisterin, Landrätin oder Abgeordnete. Da könnten wir Frauen dringend brauchen!"
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