Nein, es gehe nicht um die Frage "E-Autos oder Verbrenner?" – das versucht Thomas Hofmann, der Präsident der Technischen Universität München (TUM), gleich zu Beginn der Pressekonferenz deutlich zu machen. Doch die Frage steht im Raum, schließlich kommt die neue Studie zu einem politisch brisanten Termin: kurz vor den entscheidenden Verhandlungen in Brüssel über die künftige Regulierung des Verkehrssektors. Und gerade deshalb hat die Studie schon im Vorfeld der Veröffentlichung viel Staub aufgewirbelt, weil sie zum Teil als Plädoyer für den Verbrenner verstanden wurde.
Wann gelten E-Autos als klimaneutral?
Das versuchen die Forscher zu entkräften. Denn auch sie kommen in ihrer sogenannten Meta-Studie, in der vorhandene Studien ausgewertet und verschiedene Szenarien untersucht werden, zu einem eindeutigen Ergebnis: Rein batterieelektrische Fahrzeuge reduzieren die CO2-Emissionen im Vergleich zu Verbrennern im Durchschnitt um 41 Prozent.
Ihre Kritik richtet sich jedoch daran, dass die bisherigen Klimavorgaben der EU allein auf den Auspuff ausgerichtet seien, also darauf, welche Emissionen im Straßenverkehr anfallen. Die Emissionen, die beispielsweise bei der Produktion der Autos anfallen, egal ob bei Stahl, Aluminium oder Batteriezellen, würden dagegen bei der Klima-Bewertung außen vorgelassen. Deshalb würden reine E-Autos von der EU-Kommission "zu 100 Prozent als klimaneutral" eingeschätzt – das aber sei ein "zentraler Irrtum" der CO2-Regulierung der EU. Stattdessen schlagen die Forscher vor, den gesamten Lebenszyklus von Autos – von der Produktion über den Betrieb bis zum Recycling – künftig zum Maßstab für die Klima-Vorgaben in Europa zu machen.
TUM-Präsident plädiert für Technologieoffenheit
Ob damit indirekt doch das Ende des so genannten Verbrenner-Aus gefordert wird? Die drei Forscher, die die Studie maßgeblich erarbeitet haben, geben sich zurückhaltend. TUM-Präsident Hofmann sagt allerdings, ein Verbrenner-Verbot begrenze Innovationen, gerade auch bei der Suche nach besseren Wegen für den Klimaschutz: "Da glaube ich, ist man nicht gut beraten." Deshalb plädiere er für Technologieoffenheit.
Söder und Aiwanger sehen sich bestätigt
Bei CSU-Chef Markus Söder stößt das auf Zustimmung. E-Autos seien gut, ihn störe aber die Absolutheit, mit der die EU-Kommission auf Elektromobilität setze. Bei den im Herbst anstehenden Gesprächen in Brüssel müsse es zu deutlichen Veränderungen kommen, so Söder nach der Sitzung des bayerischen Kabinetts, bei der es auch um Europafragen ging. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) ergänzt, er begrüße die TUM-Studie: "Die ideologischen Vorgaben aus Brüssel" machten der Automobilwirtschaft das Leben schwer.
Grüne warnen vor falscher Interpretation
Ganz anders wertet der Grünen-Europaabgeordnete Michael Bloss die TUM-Studie. Sie zeige klar die Überlegenheit von E-Autos gegenüber Verbrennern, so Bloss gegenüber BR24: "Da steht drinnen, die Elektrifizierung ist richtig, aber sie ist noch nicht ausreichend, um die Klimaziele zu erreichen." Daraus zu folgern, mehr auf Verbrenner und weniger auf E-Autos zu setzen, mache keinen Sinn. Hier verstehe er auch die Interpretation der Studie durch den TUM-Präsidenten nicht.
Umweltministerium hält Kritik teils für überholt
Das Bundesumweltministerium wiederum hält den Wissenschaftlern vor, die EU-Maßnahmen zur Verbesserung der Klimabilanz nicht berücksichtigt zu haben. Als Beispiel verweist ein Sprecher auf die EU-Batterieverordnung, die die Wiederverwertung der Akkus regelt, und den Handel mit Emissionszertifikaten, der Anreize für die umweltfreundliche Stahlproduktion liefern soll. Diese Aspekte blende die TU München aus, heißt es in einer Stellungnahme.
Diskussionen auch innerhalb der TU München
Kritik an der Studie wiederum kommt aus der TU München selbst. So schreibt Markus Lienkamp vom Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik, der Neuigkeitswert beschränke sich auf eine "teilweise gelungene statistische Auswertung der Einzelstudien". Inhaltlich seien alle Daten und Schlussfolgerungen in der Fachwelt bekannt. Außerdem beklagt Lienkamp, der sich auf E-Mobilität spezialisiert hat, dass "relevante Professoren der TUM" nicht eingebunden worden seien.
Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, keine Professoren einzubeziehen, die sich entweder klar für Elektromobilität oder klar für Verbrenner positioniert hätten, sagt dazu TUM-Präsident Hofmann. Es sei um eine möglichst neutrale Analyse gegangen. Die Schlussfolgerungen aus der Studie müsse nun die Politik ziehen.
Im Video: Wirbel um TUM-Studie zur CO₂-Bilanz von Autos
Kein Auspuff – kein CO₂? Eine Studie der TU München kritisiert jetzt die Klimapolitik der EU.
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