Eine "Eilmeldung aus Russland" dröhnt dem Betrachter eines Videos entgegen, das im vergangenem Herbst hunderttausendfach auf TikTok geklickt wurde: Es warnt vor der Zerstörung des Taurus-Werks im oberbayerischen Schrobenhausen. Dort hat der Raketenhersteller MBDA seinen Sitz und fertigt auch die entsprechenden Flugkörper. Zu sehen sind schnell aneinander geschnittene Fotos sowie Clips von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Russlands Präsident Wladimir Putin. Raketen schlagen ein, die russische Flagge weht.
Längst gibt es unzählige ähnliche Videos, jeweils mit unterschiedlicher Ausrichtung. Gemein ist allen, dass sie mit Kriegsängsten spielen – und dabei keinerlei Belege liefern. Dabei scheinen sie einen Nerv zu treffen: Viele User äußern sich besorgt in den Kommentaren.
Russische Desinformation?
Doch was genau hinter den Videos steckt, ist schwer zu sagen. Geht es nach Experten wie Stefan Meister oder deutschen Sicherheitsbehörden, so führt Russland längst einen Informationskrieg im Netz. Meister ist Politikwissenschaftler und Leiter des Zentrums für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentralasien bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.
Russische Desinformation ist einer seiner Arbeitsschwerpunkte. Russland spiele bewusst mit Ängsten, sagt er. Ein Ziel: Den gesellschaftlichen Rückhalt für die Unterstützung der Ukraine schwächen. Für einen tatsächlichen Angriff spricht in Meisters Augen allerdings wenig. Dieser würde den Nato-Bündnisfall auslösen. Seiner Einschätzung nach versucht Russland daher unterhalb dieser Schwelle zu agieren.
Lockt hier das große Geld?
Die Kriegsangst-schürenden Videos lassen sich aber längst nicht alle einer russischen Kampagne zuordnen. In einem anderen Clip fallen Sätze, wie diese: "Deutschland wird erpresst und unsere Regierung schaut zu, wie eine Atommacht Drohkulissen gegen unsere Bürger aufbaut. Wie viele Warnungen braucht es noch, bis endlich jemand aufsteht und sagt, bis hierhin und keinen Meter weiter?"
Nach einer prorussischen Kampagne, die Narrative streut, klingt das in den Augen der Analystin Julia Smirnova nicht. Smirnova, die am Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) arbeitet, hat sich für BR24 einige der Videos angesehen. Sie befasst sich regelmäßig mit Accounts und Postings in den sozialen Medien und untersucht Desinformationskampagnen.
Smirnova vermutet, "dass die Menschen hinter diesen Videos vor allem an der Reichweite und an der möglichst großen Anzahl von Followern interessiert sind". Nicht immer werde Desinformation mit politischer Absicht verbreitet, sagt sie. Einige Indizien deuten darauf hin, dass es den Machern vor allem ums Geld verdienen gehen könnte. Etwa finden sich Aufforderungen, Kanälen zu folgen oder Inhalte zu teilen.
Ängste und Emotionen werden geklickt
"Emotionalisierte Beiträge" führen nach Einschätzung des Fachjournalisten Simon Pycha dabei schneller zum Erfolg. Diese würden auf algorithmusbasierten Plattformen häufiger geklickt. Auch für ihn spricht viel dafür, dass die Kriegsangst-Videos auf Klicks und Geld aus sind. Ein weiteres Indiz dafür ist etwa die Themenvielfalt mit der möglichst viele Menschen angesprochen werden sollen – von Kriegsängsten bis hin zu Vulkanausbrüchen.
TikTok belohnt Reichweite
Tatsächlich gibt es bei TikTok die Möglichkeit, mit Videos Geld zu verdienen – über das plattformeigene sogenannte "Creator Rewards Program". Um daran teilnehmen zu können, müssen Accountbetreiber bestimmte Vorgaben erfüllen: Etwa über 18 Jahre alt sein, mindestens 10.000 Follower haben und mehr als 100.000 Aufrufe in den vergangenen 30 Tagen vorweisen können. Außerdem müssen ihre Videos länger sein als eine Minute.
Die Kanäle, die im Zuge von Recherchen beobachtet wurden, erfüllen die Anforderungen des Vergütungsprogramms. Ob sie auch daran teilnehmen, ist nicht einsehbar. Auf Anfragen reagierten weder TikTok noch die Kanalbetreiber.
Verkauf an politische Akteure?
Analystin Julia Smirnova vom CeMAS beobachtet indes noch eine andere Entwicklung: Demnach gibt es inzwischen sogenannte "Content Farms", die Social Media Inhalte produzieren, damit Reichweite generieren und eine Followerschaft aufbauen – nur, um diese Accounts dann später an politische Akteure zu verkaufen.
Die ganze Recherche hören Sie heute um 12.17 Uhr in der Sendung Funkstreifzug hier im Radioprogramm von BR24 oder schon jetzt als Podcast in der ARD-Audiothek.
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