Jan Ducks besprüht Wände und Unterführungen mit Graffiti – und bekommt dafür Geld. Mit Kollegen gestaltet der Künstler aktuell eine Unterführung der Bahn im Allgäu, an der Regionalzug-Linie zwischen München und Lindau. Bunt wird es, unter anderem mit einem Motiv des Schlosses der Gemeinde und einem Fahrrad in einem Park. "Die Deutsche Bahn hat begriffen, dass sie besser damit fährt, wenn sie Sachen gestalten lässt", ist Ducks überzeugt.
Einfarbige Sichtbetonwände laden zum Sprühen ein
Einfarbige Sichtbetonwände seien quasi eine Einladung an Sprayer. Und würden vollgetaggt – was im Graffiti-Jargon meint: mit Kürzeln und Signaturen versehen. "Und das nicht nur von Sprühenden, sondern eben auch von Sven, der für seine Ramona eine Liebesbotschaft rüberbringen möchte, Fußball-Ultras, Nazis, Linken und so weiter. Oder von Personen, die gerade anfangen zu sprühen und sich Wände suchen", sagt Ducks.
Die Bahn beauftragt Sprayer inzwischen mit bunten Graffitis.
Bahn setzt auf künstlerische Gestaltung
Die Bahn bestätigt auf Anfrage: Sie setze seit Längerem gezielt auf eine künstlerische oder bunte Gestaltung von Flächen. Das könnten Graffiti sein, aber auch Farben oder Fliesen. Die Gründe: Neben einem "schöneren Erscheinungsbild der Bahnhöfe" reduziere sich so "erfahrungsgemäß auch die Verunstaltung durch illegale Schmierereien", teilte die Bahn mit.
Auch in Bayern laufen solche Verschönerungs-Projekte: Im Auftrag der Bahn gestaltete der Street-Art Künstler Marcus Dörr jüngst 26 Gebäude im Münchner Osten. Das Stellwerk am Ostbahnhof etwa zeigt Münchner Sehenswürdigkeiten vor einer Bergkulisse. Der Künstler selbst spricht von Farbinseln, die den Alltag schöner machen sollen. Auch einige S-Bahn-Stationen zieren inzwischen bunte Graffiti, beispielsweise in Unterschleißheim und am Fasanenpark. Züge sind allerdings tabu.
Hohe Kosten für Graffiti-Entfernung
Für die Bahn bedeuten Schmierereien Extrakosten: Pro Jahr entstehen laut Bahn rund zwölf Millionen Euro Schaden durch illegale Graffiti an Zügen und Anlagen. Zuletzt (2024) registrierte die Bahn rund 32.300 Fälle von Vandalismus, davon 21.000 Graffiti-Beschädigungen. Für dieses Jahr spricht das Unternehmen von einem "steigenden Trend" bei Graffiti und Vandalismus. In Bayern fallen vor allem München und Nürnberg auf. In diesem Jahr registrierte die Bundespolizei dort bereits 872 (München) beziehungsweise 244 (Nürnberg) Delikte. Bundesweit liegen die Städte auf Platz zwei und fünf.
Problem: Jeder kann Sprühdose im Baumarkt kaufen
Während die Bahn hofft, mit schön gestalteten Wänden illegale Sprayer abzuhalten, ist Spray-Künstler Ducks weniger optimistisch: "Es können einfach zu viele unterschiedliche Menschen in den Baumarkt gehen und sich eine Sprühdose kaufen", meint er. "Viele kennen die Gepflogenheiten innerhalb der Szene nicht, dass man Bilder von jemand anderem respektiert." Inzwischen nutze die Bahn allerdings Zwei-Komponenten-Schutzbeschichtungen. Das schütze Kunstwerke langfristig besser, sie könnten so auch geputzt werden.
Eine künstlerische Gestaltung reduziert die Anzahl von Schmierereien, so die Bahn.
Bahn geht gegen illegale Sprayer vor
Pro Jahr erwischen Sicherheitskräfte nach Angaben der Bahn etwa 2.700 Personen auf frischer Tat. Ein Viertel von ihnen seien Sprayer. Die Bahn betont, entschieden gegen Verschmutzungen vorzugehen. Jeder Fall werde angezeigt und dokumentiert. Mitunter könne das langfristige Folgen haben. Denn Schadensersatz könne 30 Jahre lang gefordert werden, so ein Bahnsprecher: "Beträge von oft vielen Tausend Euro können so noch Jahre später eingefordert werden, auch wenn Täter:innen zum Zeitpunkt der Tat minderjährig waren oder kein Einkommen hatten." Dazu begeben sich illegale Sprayer mitunter in Lebensgefahr, riskieren, von einem Zug überfahren zu werden oder einen Stromschlag zu erleiden.
Spray-Künstler für mehr Toleranz im öffentlichen Raum
Ein anderer Aspekt: Nicht jeder findet Graffiti schön, auch wenn es sich um kunstvoll gestaltete handelt. "Das finde ich ein bisschen schizophren", sagt Ducks. Für ihn sei das auch eine Frage der Gestaltung des öffentlichen Raums. Dazu solle jeder beitragen können. "Beim Thema Werbung wird das nicht hinterfragt und einfach akzeptiert, dass Werbung da ist", betont er. Er wünscht sich: "Dass es auf kultureller Ebene noch mehr Gegengewichte zu Werbung geben würde. Und da arbeiten wir dran."
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