Mit schnellen Schritten läuft Carolin Pecho die Treppe im Ringelaier Rathaus hinunter, gleich steht der nächste Termin an. Die 40-Jährige ist parteilose Bürgermeisterin der 2.000-Einwohner-Gemeinde im Bayerischen Wald – und als junge Frau in diesem Amt eine Seltenheit.
Anstoß kam vom alten Bürgermeister
"Es ist tatsächlich der alte Bürgermeister auf mich zugekommen und hat gesagt: Caro, könntest du dir das nicht vorstellen?", erinnert sich Pecho. "Dann habe ich einen Moment gebraucht. Und überlegt: Ich will gestalten, mir ist Heimat wichtig. Ich mache gern was mit Netzwerk, mit Menschen. Also dachte ich, naja, probieren wir es."
Bevor Pecho Bürgermeisterin wurde, leitete sie einen Kommunalverband – Verwaltung und Vernetzung kannte sie also aus der Praxis. Sie stellte sich der Wahl und setzte sich durch. Seit sechs Jahren steht sie nun an der Spitze der Gemeinde.
Bringt als Frau anderen Blick mit
Als Frau, sagt sie, bringe sie einen anderen Blick mit: "Ich schaue in der Gemeinde viel auf soziale Fragen und nicht nur auf Infrastruktur." Neben klassischen Aufgaben wie dem Hochwasserschutz legt sie besonderen Wert auf Begegnungsorte – von Spielplätzen über den Dorfplatz bis hin zum Friedhof. Zudem setzt sie auf moderne Arbeitsformen für ihre knapp 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auf Technologieoffenheit im Rathaus.
Carolin Pecho, Bürgermeisterin von Ringelai im Landkreis Freyung-Grafenau
Das Amt, sagt sie, sei erfüllend – aber auch fordernd. Dauerstress gehöre zum Alltag, ebenso Anfeindungen: "Wir hatten letzte Woche wieder einen Hundekotbeutel im Briefkasten. Das ist unschön, aber damit muss man mittlerweile fast leben im Rathaus."
Amt passt oft nicht in den Lebensentwurf
Warum aber gibt es weiterhin so wenige Bürgermeisterinnen? Pecho erlebt, dass es für viele nicht in den Lebensentwurf passt. "Ich merke das sehr bei der Suche nach Kandidatinnen für die Gemeinderatslisten", sagt Pecho. " ’Können wir das?’, sagen Frauen, die als Vereinsvorsitzende aktiv sind. Der Schritt in die Politik ist mit einer Hürde belastet."
Traditionelle Rollenbilder erschweren Schritt in die Politik
Studien und Experten bestätigen: Da pro Kommune nur ein Bürgermeisterposten existiert, wirken Quotenregelungen kaum. Männer profitieren häufig von etablierten Netzwerken und parteiinterner Unterstützung. Hinzu kommen traditionelle Rollenbilder – Frauen haben durch Familie oft weniger zeitliche Spielräume, während Männer sich auf Unterstützung im Hintergrund verlassen können. Pecho plädiert deshalb für gezielte Ansprache, so wie es bei ihr selbst der Fall war. Es gehe viel um Vorbilder. "Kinder müssen sehen, dass Frauen Bürgermeisterinnen sind."
Petra Hemmelmann tritt bei der Kommunalwahl 2026 als Oberbürgermeisterkandidatin in Eichstätt an
Auf dem Stadtplatz von Eichstätt verteilt Petra Hemmelmann Flyer ihrer Partei Volt. Die 40-Jährige will in der 14.000-Einwohner-Stadt Oberbürgermeisterin werden.
Frauen trauen sich oft zu wenig zu
Hemmelmann räumt sich selbst nur geringe Chancen ein. Sie tritt trotzdem an, als einzige Gegenkandidatin. Auch, weil sie als Frau ein Zeichen setzen möchte. "Es ist 2026, Frauen haben sich viele Rechte erkämpft. Aber wir sind auf der wichtigen Ebene, dort, wo Rechte durchgesetzt werden können, nicht präsent genug. Weil wir häufig diejenigen sind, die die Läden am Laufen halten und dann sagen, naja, Politik muss hintanstehen." Das mache sie traurig.
Kein Kampf der Geschlechter, sondern Bereicherung
"Und auch ein bisschen wütend auf uns Frauen selbst, weil wir es uns nicht zutrauen. Ich ärgere mich auch über mich selbst, warum ich 40 Jahre alt werden musste, bis ich kandidiere, obwohl ich mich dafür interessiere." Auch in ihrem Fall war es nicht sie selbst, sondern ihr Mann, der sie überhaupt erst auf die Idee brachte. "Das ist kein Kampf der Geschlechter oder kein ‚wir wollen die Männer schlecht machen‘, sondern mehr Frauen bedeutet eine bessere Politik für alle", sagt Hemmelmann. "Weil wir neue Lebenserfahrungen, Perspektiven und Ideen mitbringen."
In Eichstätt hätten sich mehrere Parteien der demokratischen Mitte zusammengeschlossen, um aus dem Weltfrauentag einen "Wählt-Frauen-Tag" zu machen, erzählt Hemmelmann. Auf fast allen Listen stünden inzwischen deutlich mehr weibliche Kandidatinnen. "Das wollten wir sichtbar machen und sagen: Hey, liebe Bürgerinnen und Bürger Eichstätts, egal wo euer politisches Herz schlägt, ihr könnt Frauen wählen", so Hemmelmann. Am Weltfrauentag wird sich zeigen, ob in Bayerns Rathäusern künftig mehr Frauen das Sagen haben.
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