In dem Chatfenster auf ihrem Tablet hat eine Schülerin "Zusammenfassung der Geschichte von Ernst Otto Krakenberger" eingetippt. Als Antwort erscheint ein Video, in dem der heute 85-jährige Holocaust-Überlebende erzählt.
Die Zwölftklässler unterhalten sich mit einem Chatbot und erfahren so von den Erlebnissen der Zeitzeugen, die in einigen Jahren nicht mehr leben werden. So sieht der Unterricht am Nürnberger Johannes-Scharrer-Gymnasium in Nürnberg aus.
"Es werden immer weniger, die davon berichten können"
Seit drei Jahren erzählt Krakenberger immer wieder in Schulen, wie er während der NS-Zeit von seinen Eltern bei Freunden in den Niederlanden versteckt wurde und durch viel Glück den Holocaust überlebte. "Es ist gut, dass über die Zeit gesprochen wird. Es werden immer weniger, die davon berichten können. Und ich tue mein Bestes, das den jungen Herrschaften mitzuteilen", sagt der 85-Jährige.
Erinnerung an den Holocaust mittels Künstlicher Intelligenz
Krakenberger macht das nicht nur persönlich, sondern auch digital. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz und dem Chatbot kann die Geschichte des Zeitzeugen bewahrt werden. "Wir brauchen neue Formen der Erinnerung an den Holocaust, an die dunklen Kapitel unserer Geschichte. Noch leben Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die davon berichten können", erklärt Deutschlehrer Michael Veeh, der den Chatbot mitentwickelt hat. Durch den Einsatz der KI könnten die Schüler in einen Dialog mit der Geschichte eintreten. "Sie stellen Fragen an den Zeitzeugen, der nicht anwesend ist und bekommen dadurch die Möglichkeit, sich in relativ authentischer Art und Weise an die Geschichte anzunähern", so Veeh.
Schüler: "War am Anfang ein bisschen skeptisch"
Für die Schüler ist das ein ganz neues Lernerlebnis. "Dadurch, dass diese Chatbots eine Form der Konversation darstellen und dass auf Fragen geantwortet wird, ist es präsenter als stupide Wikipedia-Einträge zu lesen", sagt beispielsweise der Zwölftklässler Nils Müller. Klassenkameradin Amelie Brief ergänzt: "Ich war am Anfang ein bisschen skeptisch, weil ich dachte, dass es eine reguläre KI ist. Aber sie ist ja nur mit den Informationen programmiert worden, die uns Herr Krakenberger gegeben hat."
Erfahrungen von Zeitzeugen sollen nicht in Vergessenheit geraten
Klar ist aber auch: "Die KI ersetzt den Lehrer und den Unterricht nicht", sagt Lehrer Veeh. Es brauche Dialoge über die Ergebnisse, die mit der KI gemacht werden und eine Anleitung, um sinnvoll damit arbeiten zu können. Geht es nach den Schülern, sollte diese Unterrichtsmethode in Zukunft auch in anderen Fächern eingesetzt werden. "KI ist unsere Zukunft. Es bringt nichts, sie zu verbieten oder zu versuchen, sie aus der Schule rauszuhalten", findet Schülerin Karla Gößling.
An dem Gymnasium in Nürnberg wird das bereits gemacht: indem die Zeitzeugnisse digital konserviert werden, um sie mit in die Zukunft zu nehmen. Damit solche Erlebnisse wie die von Ernst Otto Krakenberger nicht in Vergessenheit geraten.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
