Wohnen in einer WG für Menschen mit Behinderung: Eltern haben in Eigeninitiative in Prien am Chiemsee eine Wohnanlage mit 30 Plätzen gebaut.
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Wohnen in einer WG für Menschen mit Behinderung: Eltern haben in Eigeninitiative in Prien am Chiemsee eine Wohnanlage mit 30 Plätzen gebaut.

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Mangelware: Wohnungen für Menschen mit Behinderung

Mangelware: Wohnungen für Menschen mit Behinderung

Menschen mit Behinderung haben ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Dazu gehören: eigene vier Wände. Aber daran fehlt es oft. Am Chiemsee haben Eltern in Eigeninitiative eine Wohnanlage gebaut. Hier leben Menschen mit Behinderung in WGs.

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Sie lachen, reden, spielen zusammen. Christina ist körperlich behindert, sitzt im Rollstuhl. Mathias hatte eine Gehirnblutung, ist halbseitig gelähmt, sitzt auch im Rollstuhl. Magdalena hat Trisomie 21. Johannes ist geistig und körperlich behindert. Gemeinsam leben sie in einer WG in der Wohnanlage in Prien am Chiemsee.

Betreutes Wohnen: Trainieren für ein selbst bestimmtes Leben

Christina lebt seit vier Monaten in der WG. Die 27-Jährige hat vorher mit ihren Eltern zusammengewohnt. Das wollte sie nicht mehr. Die Eltern werden älter, die Wohnung war nicht barrierefrei. Ein Jahr hat es gedauert, bis Christina in die WG einziehen konnte. Hier gefällt ihr das eigenständige Leben. "Wenn ich Assistenz brauche, kann ich mir eine holen. Wenn ich keine brauche, kann ich hier einfach selbst bestimmt leben."

Ihr Mitbewohner Mathias lebt schon seit zwölf Jahren in der Wohngemeinschaft. Der 55-Jährige ist zwar viel älter als seine Mitbewohner, er fühlt sich dennoch wohl. Er schätzt das Miteinander.

Die Idee: "Du hast hier eine Wohnung ein Leben lang"

Das Konzept der Wohnanlage in Prien am Chiemsee: "Mit so wenig Hilfe wie nötig zu so viel Eigenständigkeit wie möglich". Jeweils zehn Menschen mit Behinderung leben in einer WG, unterstützt von bis zu drei Betreuern. Drei WGs gibt es, also insgesamt 30 Plätze. Der jüngste Bewohner ist 18, der älteste 68 Jahre alt. Alle kaufen sich je nach Bedarf zusätzlich individuelle Hilfe über den ambulanten Pflegedienst dazu. Jeder hat sein eigenes Zimmer.

"Leben mit Handicap": Vom Hotel Mama zur Elterninitiative

25 Eltern von Kindern mit Behinderung haben sich 2012 zusammengetan und den Verein "Leben mit Handicap" gegründet, um dann die Wohnanlage in Prien am Chiemsee zu bauen. 4,5 Millionen Euro hat der Bau gekostet, finanziert durch die Eltern, mit einem Darlehen für sozialen Wohnungsbau und Spenden. Heute müssen die laufenden Kosten durch die Mieteinnahmen gedeckt werden. Jeder Bewohner, jede Bewohnerin zahlt knapp 700 Euro Miete – warm und möbliert.

Alle drei WGs sind gemischt nach Geschlecht, Alter und Behinderung, geistig und/oder körperlich. Jeder wird zur Arbeit gefahren, meist in die Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Hier arbeiten sie in der Hauswirtschaft, Schreinerei oder Montage.

Zum selbständigen Leben lernen gehören neben der Arbeit auch der Haushalt: Kochen, abwaschen und Müll rausbringen. "Jeder wird ermuntert, das zu machen, was er kann. Und das zu lernen, was er noch nicht kann", erklärt Vereinsvorstand Günther Bauer. Seine Tochter hat acht Jahre in einer WG gelebt. Sie ist so selbständig geworden, dass sie ausgezogen ist. Die meisten Bewohner bleiben aber ihr Leben lang in der WG.

"Die Lage ist zum Verzweifeln": Warteliste für betreute Wohnplätze

Die Nachfrage ist groß, die Warteliste ist lang für die Wohnplätze. Denn bezahlbarer, barrierefreier Wohnraum ist in Bayern Mangelware. Dazu fehlt das Betreuungspersonal. "Die Lage für Menschen mit Behinderungen ist zum Verzweifeln", stellt Günther Bauer fest.

Das zuständige Bayerische Sozialministerium hat keine aktuellen Zahlen, wie viele Wohnplätze mit Betreuung es insgesamt im Freistaat gibt. 2022 gab es rund 750 Einrichtungen und betreute Wohnformen für volljährige Menschen mit Behinderung. Gut 28.000 Bewohnerinnen und Bewohner haben dort gelebt. Heute leben mehr als zwei Millionen Menschen mit Behinderung in Bayern.

Bayerischer Behindertenbeauftragter: Verzweifelte Eltern suchen bundesweit nach Wohnplätzen für ihre Kinder

Zu wenig Wohnraum für Menschen mit Behinderung: Bayerns Behindertenbeauftragter Holger Kiesel kennt das Problem. Die Lage sei für die betroffenen Familien dramatisch. Immer wieder erhalte er verzweifelte Anrufe von Eltern, die schon in ganz Deutschland nach einem passenden Platz für ihr Kind gesucht haben. Dabei sind die Kinder oft schon 30, 35, 40 Jahre alt. Die Eltern werden selbst älter und merken, dass sie die Betreuung nicht mehr schaffen.

Der Bayerische Behindertenbeauftragte hat das Netzwerk "Inklusives Wohnen Bayern stärken" initiiert, um betroffene Eltern zusammenzubringen. Er fordert von der Politik mehr Unterstützung, zumal der Bedarf an Wohnraum für Menschen mit Behinderung gestiegen ist. Nach dem Vorbild der Wohnanlage in Prien am Chiemsee haben Eltern in Regensburg, Augsburg und Höhenkirchen bei München auch in Eigeninitiative Wohnplätze mit Betreuung geschaffen.

Im Video: WG in Prien für Menschen mit Behinderung

Diskussionsteilnehmer auf dem Weltgipfel für Menschen mit Behinderung in Berlin.
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In Prien haben Eltern ein Haus für Kinder mit Behinderung gebaut. Dort können sie ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen.

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