Acht junge Frauen klettern auf ein Vordach. Aus Lautsprechern dröhnen Technobeats. Dann beginnen sie Lobeshymnen auf Jesus Christus von dem Vordach zu rufen. An der Uferpromenade davor bleiben Passanten verwundert stehen. Manche machen Fotos.
Die Szene ereignet sich auf dem Vordach der sogenannten "Home-Base" in Salzburg. Dort betreibt die Loretto Gemeinschaft direkt an der Salzach eine Jüngerschaftsschule, der die jungen Frauen angehören. Neun Monate lang werden sie dort geschult.
- Die gesamte ARD-Story "Die hippen Missionare – mit Jesus gegen die Freiheit?" findet ihr hier.
"Wir haben ein himmlisches Bürgerrecht"
Loretto ist eine von mehreren charismatischen Erneuerungsbewegungen, die im deutschsprachigen Raum auf dem Vormarsch sind, unter anderem in Bayern. Das Versprechen: Jesus persönlich begegnen, Heilung. "Wir haben ein himmlisches Bürgerrecht", erklärt eine Trainerin den Jüngerschaftsschülern.
Das Angebot richtet sich an Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Die Heranwachsenden erhoffen sich von den täglichen Kursen und stundenlangen Gebeten Antworten: "Sowas wie Eheleben oder kein Eheleben? Oder auch der Beruf, wo sind eigentlich meine Stärken, wo will Gott mich hinstellen", fragt eine Salzburger Jüngerin.
Gemeinsam mit den anderen bewohnt sie kleine Zimmer im zweiten Stock der "Home-Base". Sie teilen sich ein Etagenbad. Beim gemeinsamen Mittagessen wird die ersten Minuten schweigend gegessen. Währenddessen liest eine Jüngerin Bibeltexte vor. 820 Euro pro Monat kostet die Jüngerschaftsschule in Salzburg.
Gebet in Richtung Abtreibungsklinik
Auch Sarah Schlegel hat sich anfangs bei den Lorettos wohlgefühlt, "wegen des Gemeinschaftsgefühls, der Sicherheit". Mit 14 wurde sie den Lorettos anvertraut, als Firmling. Dabei ging es hoch auf den Salzburger Festungsberg. "Dort sind wir dann gemeinsam mit den Lorettos gestanden, um gemeinsam dafür zu beten, dass die Abtreibungsklinik zumachen muss. Die Dämonen aus der Abtreibungsklinik auszutreiben."
Heute fühlt sich Sarah Schlegel von den Lorettos für deren Botschaften missbraucht, die sie als Jugendliche noch schwer einordnen konnte: "Mir ist damals zum ersten Mal in den Kopf geschossen: Eigentlich machen sie das nur für sich selbst. Denn es kann nicht im Interesse einer jungen Frau sein, dass die einzige Abtreibungsklinik der Stadt zusperrt."
Jüngerschaftsschulen im ganzen deutschsprachigen Raum
Frauen würde damit Freiheit genommen, findet Sarah Schlegel. "Kein Selbstbestimmungsrecht. Am besten sich der Kindererziehung widmen, dieses traditionelle Familienbild aufrechterhalten." Die Loretto Gemeinschaft erwidert, auf dem Festungsberg für den Schutz des Lebens gebetet zu haben. Es gebe keinen Zwang, daran teilzunehmen. Man betone und achte die individuelle Freiheit des Einzelnen.
Die Gemeinschaft expandiert. In Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und in Großbritannien gibt es inzwischen Loretto-Häuser und Gebetskreise. Auch in Passau betreiben die Lorettos eine "Home-Base", Jüngerschaftsschule inklusive. Die Immobilie hat das Bistum dafür sanieren lassen – für rund fünf Millionen Euro. Der katholische Bischof Stefan Oster spricht von einer "Anschubfinanzierung". Jüngerschaftsschulen gebe es in Freikirchen oder in der evangelikalen Welt schon lange, so Oster. "Das haben wir im Katholizismus im Grunde nicht auf dem Schirm gehabt."
"Schon so in Richtung Sekte"
Ein junger Mann, der für das Bistum als Firmbegleiter tätig ist, war in der Passauer "Home-Base" der Lorettos. Er hat eine Gruppe Heranwachsender betreut, kurz vor ihrer Firmung: "Die sind da sehr vehement angegangen worden, kumpelhaft, ohne Distanz", berichtet er. "Sie sollten doch beten, in ihre Gemeinschaft kommen. Das war wie eine Vorstufe, wenn man ins Kloster geht. Eine eingeschworene Gemeinschaft, schon so in Richtung Sekte."
Dass sein Name veröffentlicht wird, will er nicht: "Ich engagiere mich für Jugendarbeit in der Kirche. Was dann vielleicht nicht mehr möglich ist, ich weiß ja nicht, was da so im Hintergrund abläuft." Loretto erwidert auf seine Vorwürfe, "viele positive Rückmeldungen zu erhalten". Zudem habe man hohe Präventions-Standards. Und rege zu direktem Feedback an. Die Behauptung, Firmlinge seien zum Beitritt zur Gemeinschaft ermutigt worden, sei unzutreffend. Eine Mitgliedschaft sei erst ab 18 Jahren möglich.
Tausende Euro Gebühr für die Jüngerschaftsschule
Wer an einer Jüngerschaftsschule teilnehmen will, muss in der Regel dafür zahlen. Das ist in Salzburg und Passau so. Und das ist in Augsburg der Fall, wo sich der katholische Theologe Johannes Hartl zu einem Star der charismatischen Erneuerungsbewegungen entwickelt hat. In dem von ihm gegründeten Gebetshaus ist die "Flameacademy" angesiedelt, eine weitere Jüngerschaftsschule.
Die Teilnehmer werden dort zu "Lobpreisern" ausgebildet. Zehn Monate lang. An einem Ort, an dem "Tag und Nacht gebetet wird", wirbt Hartl auf Youtube: "Dann gibt es den Moment nach ein paar Monaten, wo die Augen zu glitzern anfangen. Ein neuer Sound in der Stimme, eine neue Klarheit in der Vision."
Warum junge Menschen angesprochen werden
Um die "Flameacademy" zu durchlaufen, müssen die Teilnehmer 3.290 Euro ans Gebetshaus Augsburg bezahlen. Zusätzlich müssen sie sich selbst krankenversichern. Und auch für ihre Unterkunft und ihre Verpflegung müssen sie selbst aufkommen. Zudem arbeiten sie einige Stunden pro Woche im Café oder Gästehaus des Gebetshauses. Jünger schildern dem BR, dort auch Putzdienste zu übernehmen. Um das Ganze zu finanzieren, sollen die Teilnehmer nach Spendern suchen, etwa unter Freunden oder in der Familie. Von einem Minijob rät das Gebetshaus ab.
Die Theologin Maria Hinsenkamp hat charismatische Erneuerungsbewegungen über Jahre erforscht, darunter ihre Jüngerschaftsschulen. Dort würden junge Menschen intensiv geschult: Etwa, um "Dämonen" zu bekämpfen. Vor allem aber, um die Lehren der Bewegungen in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verbreiten, "darunter in der Familie oder im beruflichen Umfeld", so Hinsenkamp weiter. Junge Menschen würden gezielt angesprochen, weil sie "noch prägsam und beeinflussbar sind". Loretto weist das zurück.
"Wir können ins Leben von anderen reinsprechen"
Die Leiterin der Augsburger "Flameacademy" ist immer wieder auf Instagram zu sehen. In einem Video lehrt sie den "Selbstdisziplin-Rap". Zu sehen sind Gläubige, die sich dabei im Takt auf Oberschenkel und Hände schlagen. "Du kannst nicht aus dir selber, aus eigener Kraft, versuchen zu reifen", erklärt die gelockte, grauhaarige Leiterin. Nur Gott könne das bewirken.
"Wir können ins Leben von anderen reinsprechen", berichtet eine junge Frau auf dem Instagram-Kanal der Augsburger Jüngerschaftsschule. "Wenn wir schlechte Dinge aussprechen, können wir einen Ort schaffen, der voll vermüllt ist. Aber wenn wir Segen aussprechen, können wir einen Ort schaffen, wo es schön ist und der andere in seine Fülle geführt werden kann."
Was eine Expertin kritisiert
Forscherin Hinsenkamp kritisiert, dass bei den Bewegungen "private Dinge ganz stark zum Schauplatz geistlicher Kämpfe gemacht werden". Vor allem, wenn es um Themen wie Sexualität gehe: "Wenn dafür geworben wird, sich von homosexuellen Gefühlen zu distanzieren, enthaltsam zu leben, dem nicht nachzugehen, dann kann das extrem schädigend für die Betroffenen sein."
Johannes Hartl ist dagegen überzeugt, dass die "Flameacademy" die jungen Menschen in ihrem Leben weiterbringt. Das werde auch nach Jahren evaluiert. "Wir haben praktisch nur positive Rückmeldungen. Es sind wahnsinnig wenige, die nicht sagen, dass sie die Zeit in ihrem Glaubensleben weitergebracht hat."
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