Das wollte Markus Söder (CSU) so nicht stehen lassen. Als Bertram Brossardt von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft dem Ministerpräsidenten am Freitag attestierte, manchmal zu "rustikal freundlichem" Verhalten zu neigen, entgegnete Söder: "Ich habe das geändert. Ich bin jetzt nur noch freundlich." Brossardt schien zwar nicht überzeugt ("glaube ich nicht"), doch seit Wochen häufen sich Belege, dass sich Söder um ein anderes Auftreten bemüht: staatsmännischer und zurückhaltender, optisch wie inhaltlich.
Damit sei der Parteichef "auf dem richtigen Weg", sagt ein CSU-Vorstandsmitglied BR24 hinter vorgehaltener Hand. Söder habe parteiinterne Kritik aufgenommen. "Ein Ministerpräsident muss seriöser auftreten." Fakt ist: In seiner politischen Karriere hat der Franke immer wieder gezeigt, dass er die Inszenierung beherrscht wie kaum ein anderer und sich stets neu erfinden kann.
Söder: "Neuer Schwung"
Besonders auffällig ist die optische Veränderung: Söder trägt häufiger Krawatte, der Bart ist ab. Auslöser war zwar ein Missgeschick beim Rasieren, wie der CSU-Chef am Sonntag im ARD-Talk "Caren Miosga" erläuterte. Aber der optische Wandel gebe "vielleicht auch neuen Schwung". Jedenfalls passt es zum neuen Söder-Bild.
Die rhetorische Neujustierung hatte schon vor Monaten begonnen: Auf dem Parteitag Mitte Dezember überraschte Söder mit einer insgesamt ernsten Rede. Dass er sich bei der Wiederwahl zum Parteichef mit vergleichsweise schwachen 83,6 Prozent begnügen musste, werteten manche Christsoziale als "Denkzettel" für zu wenig Ernsthaftigkeit.
Die größere Zäsur folgte mit den Kommunalwahlen im März: Die CSU verlor ein Dutzend Landratsposten. In der CSU-Fraktion gab es ungewöhnlich deutliche Kritik am Parteichef. Der Abgeordnete Josef Zellmeier wiederholte sie öffentlich: "Es wäre besser, wenn Markus Söder sich mehr um seine Rolle als Landesvater als ums Essen-im-Internet-posten gekümmert hätte", sagte Zellmeier dem "Straubinger Tagblatt" (extner Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt). "Ein bisschen mehr Demut, mehr Selbstkritik im Nachgang der Kommunalwahl hätte ihm gutgetan."
Politologe: Söder "auf Bewährung"
Politikwissenschaftler Thomas Klotz von der TU München verweist auf die Bedeutung der Landtagsfraktion für den Ministerpräsidenten: Sie sei der "Königsmacher in der CSU". Sollte die Fraktion Söder irgendwann nicht mehr für den richtigen Mann halten, könne es eng für ihn werden. Eine Revolutionsstimmung sieht Klotz nicht, Söder sei aber nach den Kommunalwahlen "ein Stück weit auf Bewährung".
Der Parteichef versprach der Fraktion, einiges zu verändern – und tut es. Einen #söderisst-Post gab es seit zwei Monaten nicht mehr auf Instagram. Bei Plenarsitzungen des Landtags bleibt der Stuhl des Ministerpräsidenten seltener leer. Beim Maibock-Anstich im Hofbräuhaus verzichtete er heuer darauf, feierlich zum Defiliermarsch einzuziehen.
Neuer Umgang mit den Grünen
Weiterer Kritikpunkt in der Partei: Söders Grünen-Bashing. Als er von Miosga gefragt wurde, ob er mit dem neuen Münchner OB Dominik Krause, einem Grünen, zusammenarbeiten werde, verzichtete er auf jegliche Grünen-Kritik. Zwar sind die Zeiten schon länger vorbei, in denen Söder die Grünen ausgiebig schmähte. Dass ihm aber kein kritisches Wort über die Lippen kommt, ist neu. Hat Söder den Kulturkampf aufgegeben? Auch das wäre ein Imagewandel: vom polarisierenden Zuspitzer zum staatstragenden Mediator.
Darum ging es auch, als Söder am Freitag Spitzenvertreter von Gewerkschaften und Wirtschaft empfing. Es sei "immer gut, miteinander zu reden und weniger übereinander", sagte der Ministerpräsident, eine "Blaupause" für den Bund. Dazu abrundend das Versprechen, er sei jetzt "nur noch freundlich". Wenige Tage vorher war Kanzler Friedrich Merz (CDU) beim DGB ausgebuht worden. Bei Miosga legte Söder nach, forderte ein neues "Bündnis für Arbeit", man brauche "alle am Tisch".
Mit solchen Auftritten reagiert der CSU-Chef wohl auf den Vorwurf, er könne besser mobilisieren als integrieren. Ein Söder-zentrierter Führungsstil war ihm jedenfalls oft vorgehalten worden.
Bundespolitisches Signal?
Politologe Klotz sieht Söders Imagewandel nicht nur als Wirken in die CSU hinein, sondern auch als bundespolitisches Signal. Merz stehe in Umfragen sehr schlecht da, Söder nutze die Möglichkeit zur Profilierung als jemand, der für die konservative Seite seriös auftrete. Im jüngsten ARD-DeutschlandTrend zeigten sich 83 Prozent unzufrieden mit Merz. Zudem bemängelten 84 Prozent das Miteinander der Berliner Koalitionspartner. Versucht Söder, eine von Merz gelassene Lücke zu füllen, indem er sein Polarisier-Image abstreift?
Nachdem der CSU-Chef zuletzt in der Debatte über Reformen stärker als Bundespolitiker auftrat, präsentiert er sich am Donnerstag im Landtag wieder als Landesvater. In einer Regierungserklärung will er nach eigenem Bekunden "das große Ganze darstellen". Und neue Töne anschlagen: Er werde auch um das Verhältnis zwischen Staatsregierung und Opposition sowie die Werte der Demokratie gehen.
Söder präsentiert sich also freundlicher, kontrollierter – aber nicht machtvergessen. Am Ende ist der neue Söder wohl kein anderer Söder. Eher einer, der gerade neu austariert, wann er Kanten zeigt – und wann besser nicht.
Im Video: Söder mit neuem Look
Ministerpräsident Markus Söder tritt nun wieder glattrasiert auf.
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