"Ich bin ziemlich geschockt darüber, dass man über die Menge an Toten durch diese Hitzewellen nicht wenigstens trauernd spricht", sagte Physiker Harald Lesch Mitte Juli beim "Sonntags-Stammtisch" im BR Fernsehen. Das war sogar noch vor den neuesten Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI): Demnach sind deutschlandweit in diesem Jahr schon knapp 10.000 Menschen hitzebedingt gestorben – mehr als bislang jemals vom RKI errechnet wurde. Dabei ist der Sommer noch lange nicht vorbei.
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Hitzetote: Bayern im Mittelfeld
Pro 100.000 Einwohner gab es die meisten Sterbefälle bislang im Saarland (33) und in Rheinland-Pfalz (29,8). Schleswig-Holstein verzeichnete laut RKI anteilig die wenigsten Hitzetoten (2,4). Bayern liegt im Vergleich der Bundesländer im Mittelfeld (7,9). Nur ein kleiner Teil der Menschen stirbt explizit an Hitzschlägen. Allerdings können hohe Temperaturen gerade bei vorerkrankten Menschen maßgeblich zum Tod beitragen. Wissenschaftler schätzen die Fälle deshalb über die Übersterblichkeit während Hitzewochen.
Laut Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, sind die Hitzetoten ohnehin "nur die Spitze vom Eisberg". Denn: "Krebs, Diabetes, Asthma, mentale Erkrankungen – das sind alles Erkrankungen, die während Hitze schlimmer werden", sagt sie. "Die ganzen Menschen, die krank werden, unser Gesundheitssystem herausfordern – das ist die ganze Wahrheit."
"Für Hitze nicht gut aufgestellt"
Selbst in vielen Krankenhäusern gibt es keine Klimaanlagen. "Wir sind für Hitze nicht gut aufgestellt", erläutert Martin Herrmann, Arzt und Vorsitzender des Vereins "Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit". Kurzfristig müsse man Patienten in Kliniken und Pflegeeinrichtungen von heißen in kühlere Räume verlegen.
"Es ist keine Option, die Menschen bei über 30 Grad in den Zimmern zu haben", sagt Traidl-Hoffmann. Langfristig brauche es eine bessere Ausstattung und mehr Hitzeschutz in Städten und Gemeinden. "Der Baum, die Dachbegrünung, die Fassadenbegrünung – das ist das, was wirklich Städte kühl hält", so die Professorin.
Im Video: Hitzewellen ohne Ende? Was jetzt passieren muss | ÜberBayern
Trinkwasserverbrauch: "Leisten uns Luxus"
Anhaltende Hitze und Trockenheit wirken sich auch auf Flüsse und Seen aus: Donau und Isar führen Niedrigwasser. Vielerorts sinkt der Grundwasserspiegel, was Folgen für die Wasserversorgung haben kann. In München wurden Verbote bei der Wassernutzung zwar mittlerweile wieder aufgehoben. Die Stadtwerke rufen allerdings weiter zur Sparsamkeit auf.
Experten fordern ein Umdenken: "Wir leisten uns in Bayern und in Deutschland den Luxus, für jeden Zweck Trinkwasser einzusetzen", kritisiert Jörg Drewes, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der TU München. "Städtisches Grün, Autowäsche, landwirtschaftliche Bewässerung – warum nicht da auch alternative Wasserressourcen einsetzen?" Außerdem müsse man besser verstehen, wofür wann wer Wasser nutzt. Immerhin: Seit Juli gibt es das Niedrigwasser-Informationssystem "Niwis", das mit hunderten Messstellen Wasserstände digital überwachen und den Verbrauch transparenter machen soll.
Kritik an Söders Schwimmbad-Video
Und die Politik? Ende Juni hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei Instagram ein Selfie-Video aus einem Schwimmbad gepostet: "Was hilft bei der Hitze? Schwimmen gehen." Er sei eben eine Runde geschwommen. "Wunderbar" sei es gewesen und schön abkühlend.
"Das finde ich ein bisschen zynisch", kritisierte Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze. "Hitze ist gefährlich und Hitze kann töten."
Allerdings hat sich angesichts der hohen Temperaturen mittlerweile auch die Staatsregierung mit Möglichkeiten des Hitzeschutzes beschäftigt – Ende Juli, in der letzten Kabinettssitzung vor der Sommerpause. Man werde grundlegend überprüfen, ob es nicht auch möglich sei, Klimaanlagen in besonders gefährdeten Bereichen zu fördern, sagte Söder: "Bei dem dauerhaften Anstieg der Temperaturen ist es wichtig, eine entsprechende Schutzmöglichkeit zu haben." Der Klimawandel sei da. "Das ist die Realität, in der wir jetzt sind – die neue Normalität."
"Werden noch stärkere Hitzesommer haben"
Den Grünen reicht das nicht. Sie kritisieren, dass die Staatsregierung ihr eigenes Klimaziel erst kürzlich auf 2045 verschoben hat, und fordern akut 200 Millionen Euro für Hitzeschutzmaßnahmen in Schulen, Kitas, Pflegeheimen und Krankenhäusern. Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze will unter anderem die "Klimaanlage auf Rezept".
Das sei "natürlich sehr plakativ", sagt Arzt Martin Herrmann: "Wir werden es nicht schaffen, jetzt in einem Jahr alles zu verändern." Allerdings vermisst der Mediziner den Eifer der Politik beim Hitzeschutz. "Hier eine Maßnahme, da eine Maßnahme – das ist nicht auf Augenhöhe mit der Gefährdung, die wir vor uns haben", beklagt Herrmann. "Das anzuerkennen, fehlt hier in Bayern, das fehlt aber auch in anderen Bundesländern."
Kühlung und Hitzeschutz müssten bei künftigen Investitionen in Infrastruktur oder auch bei der anstehenden Wärmewende Priorität haben: "Wir werden noch viel stärkere Hitzesommer haben, als wir sie jetzt erlebt haben."
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