"Das ist Ruja Ignatova, sie zählt zu den zehn meistgesuchten Personen des FBI", sagt Michael Heichele. Er steht in einem Hörsaal der Hochschule Neu-Ulm, in der Vorlesung geht es um das Thema "Kryptowährungen". Diese werden gerne von Kriminellen genutzt, weil sich damit Zahlungen verschleiern lassen oder man illegale Gelder waschen kann.
Ignatova hingegen hatte mit dem "OneCoin" eine eigene digitale Währung erfunden und viele Anleger glaubten, dass man damit ähnliche Gewinne erzielen könnte wie mit dem Bitcoin. Doch dahinter steckte in Wirklichkeit ein Schneeballsystem, die Gründerin verschwand spurlos und mit ihr die Gelder von Millionen Anlegern. "Gier frisst Hirn, leider lassen sich viele von charismatischen Menschen täuschen", sagt Dozent Heichele.
Was reizt an Wirtschaftskriminalistik?
Kriminelle Strukturen erkennen und verstehen – das ist das Ziel des Studiengangs "Wirtschaftskriminalistik". Hier paukt man nicht nur BWL oder lernt, sich mit Finanzwirtschaft, Rechnungswesen und Steuern auszukennen. Die Studierenden sollen auch ein Stück weit Ermittler werden und wie ein Detektiv Schwachstellen in Unternehmen finden.
Doch was macht den Reiz an Wirtschaftskriminalistik aus? "Hinweisen nachzugehen und Rätsel zu lösen, finde ich spannend", sagt Maja Maucher. "Ich höre gerne True-Crime-Podcasts und hier erfährt man neben Wirtschaft auch etwas über Psychologie, Recht und Kriminalität", ergänzt Anne Meercamp.
Der Bedarf an Fachleuten ist groß, das zeigen nicht zuletzt Fälle wie Wirecard. Der Zahlungsdienstleister mit Sitz in Aschheim beim München gaukelte Erfolge vor und wurde von der Politik gefeiert. Lange erkannte selbst eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft nicht, dass die Firma Bilanzen frisierte und vor allem auch Kleinanleger um viel Geld brachte. 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten lagen, existierten nicht. Das scheinbare Aushängeschild der deutschen IT-Branche musste Insolvenz anmelden.
Hohe Aufklärungsquote
Die Zahl der Fälle im Bereich Wirtschaftskriminalität ist vergleichsweise überschaubar. Rund 61.000 der insgesamt 5,8 Millionen verübten Straftaten im vergangenen Jahr sind dem Spektrum zuzuordnen, also etwa ein Prozent. Das zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik.
"Wenn wir allerdings den Schaden betrachten, dann sieht es anders aus. Wirtschaftsdelikte beliefen sich auf knapp 2,8 Milliarden Euro und damit auf rund ein Drittel der gesamten Schadenssumme", sagt Studiengangsleiter Elmar Steuerer. Die Aufklärungsquote liege mit neun von zehn Fällen deutlich über der durchschnittlichen Quote bei Verbrechen (58 Prozent). Der Grund: die Kriminellen hinterlassen oft zahlreiche Spuren, denen die Ermittler nachgehen können.
KI hilft in der Forensik
Die Studierenden lernen, wie sie Interviews mit Verdächtigen führen und ihnen rechtssicher Informationen entlocken können. Schließlich haben sie später nicht so viele Befugnisse wie die Polizei. Viele Firmen wollen mögliche Betrugsfälle oder Verstöße gegen die Compliance-Regeln erst einmal intern aufklären und haben kein Interesse, dass sie an die Öffentlichkeit kommen und so möglicherweise auch dem eigenen Image schaden.
Auf dem Lehrplan steht auch die forensische Analyse. Hier wird gelehrt, wie man große E-Mailbestände mit Hilfe Künstlicher Intelligenz durchforsten und so Verbindungen zwischen einzelnen Personen herstellen kann.
Jobchancen nach dem Abschluss
Nach ihrem Studium in Neu-Ulm werden die meisten Absolventen zunächst bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder in Unternehmensberatungen arbeiten. Perspektivisch kommen auch Jobs in Behörden wie der BaFin oder dem Landeskriminalamt in Frage.
Neben Professoren lehren an der Hochschule für angewandte Wissenschaften auch Experten von außerhalb wie Polizisten, Wirtschaftsprüfern oder Juristen. Sieben Semester dauert das bayernweit einzigartige Studium, dann hält man einen Bachelorabschluss in den Händen.
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