China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Doch die Industrie in Deutschland und Europa leidet unter der billigeren Konkurrenz – und hängt in einigen Schlüsselbereichen stark von chinesischen Importen ab. Im Interview bei "7 Fragen Zukunft" mit BR-Chefredakteur Christian Nitsche erklärt Jörg Wuttke, ehemaliger Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking, wo Europa besonders abhängig ist, wie China diese Macht nutzen könnte – und warum Nervosität aus seiner Sicht trotzdem der falsche Ratgeber ist.
Christian Nitsche: Wie abhängig ist Deutschland von China – und wo genau?
Jörg Wuttke: In einigen Bereichen ist Europa sehr abhängig von China. Das fängt mit seltenen Erden an: 90 Prozent [China kontrolliert bis zu 90 Prozent der Verarbeitungskapazitäten von seltenen Erden weltweit, Anm. d. Redaktion]. Von Magnesium, über Pharma-Vorprodukte geht das hin zu Vitamin B, wo wir eine 60-, 80-, 90-prozentige Abhängigkeit haben. Das heißt, China könnte jederzeit diese Produkte im Export einstellen und dann hätten wir unter Umständen nichts mehr in unseren Hospitälern zu bieten.
Nitsche: Wird China das machen?
Wuttke: Eher unwahrscheinlich. Aber Tatsache ist: Es ist für uns wichtig, einige Produktbereiche hier oder in befreundeten Staaten herzustellen. Im Englischen gibt es ein neues Wort dafür: "Ally Sharing". Das heißt, mit Alliierten zusammenzuarbeiten. […] Aber in der Tat, die Politisierung, gerade bei den seltenen Erden, hat gezeigt, dass China die Abhängigkeit auch nutzt, um andere Länder zu Verhaltensänderungen zu führen. Letztes Jahr im April, als Donald Trump chinesische Güter mit exorbitanten Zöllen belegt hat, hat China kurz mal die Lizenzen für seltene Erden zurückgezogen – und schon fielen die Zölle wieder in den Keller.
Im Video: Müssen wir Angst vor China haben?
Nitsche: Die Chinesen haben jahrzehntelang von uns gelernt und unsere Produkte kopiert. Mittlerweile sind sie in einigen Bereichen sogar die besten. Müssen wir Angst haben, dass China uns mit noch mehr Produkten überschwemmt?
Wuttke: Unsere Konsumenten hier lieben chinesische Produkte. Die sind billig und relativ gut. […] Das Problem ist nur, dass fünf Container von China nach Deutschland oder Europa gehen und nur einer kommt zurück. Der Handelsüberschuss der Chinesen lag letztes Jahr bei 90 Milliarden Euro, dieses Jahr werden es sicher über 100 Milliarden sein. Das heißt, China könnte unter Umständen unser industrielles Ökosystem zerschlagen, denn ihre Produkte sind unschlagbar wettbewerbsfähig.
Nitsche: Wird das noch drastischer werden?
Wuttke: Ich glaube schon, dass das noch problematischer wird. Deswegen muss man sich in Berlin als auch in Brüssel überlegen, wie man die Wirtschaft in Europa jetzt wieder voranbringt – wo wir konkurrenzfähig sind, wo wir nicht abhängig sein wollen und wo wir uns gleichzeitig schützen müssen. Da gibt es unterschiedliche Szenarien.
Wie lange bis zur Unabhängigkeit von China?
Nitsche: Wie viele Jahre würde es dauern, in Sachen kritische Infrastruktur von China unabhängig zu werden?
Wuttke: Das hängt davon ab. Wie gesagt, wir müssen mit Alliierten zusammenarbeiten – mit den Amerikanern, mit Chile, mit zentralasiatischen Ländern. Bei seltenen Erden würde ich schon sagen, dauert das fast zehn Jahre. Die Amerikaner sagen zwar, sie kriegen das in zwei hin – aber das will ich mal sehen. Das Problem ist ja gar nicht, dass die seltenen Erden so selten sind. Man findet sie sogar in Sachsen-Anhalt. Die Raffinerie ist das Problem. […] Die ist deswegen in China, weil die Chinesen damals gesagt haben: Okay, dann haben wir in der Inneren Mongolei eben eine kleine Umweltkatastrophe, aber dafür können wir euch mit seltenen Erden beliefern. Da entstand die Abhängigkeit. Seitdem hat sich die Technologie weiterentwickelt – und sie geben sie uns nicht weiter, um die Abhängigkeit zu forcieren.
Nitsche: Was ist mit dem Bereich Medizin?
Wuttke: Bei Pharma-Vorprodukten muss man gucken, ob die Inder das hinbekommen, dass sie mehr produzieren. Wobei die auch abhängig sind von chinesischen Chemikalien für die Pillen. […] Bei Penicillin hat Österreich zum Beispiel vor Jahren beschlossen, die einzige noch existierende Firma in Europa [das Pharmaunternehmen Sandoz, Anm. d. Redaktion] zu subventionieren, damit wir hier zumindest noch eine haben. Also man muss auch gucken, dass die Politik wirklich sagt: Ich muss die Bevölkerung schützen vor der Abhängigkeit von Ländern, bei denen wir nicht davon ausgehen können, dass die jederzeit liefern.
Jörg Wuttke lebte 35 Jahre lang in China und ist aktuell Wirtschaftsberater in Washington. Hier im Gespräch mit Christian Nitsche.
Auch China hat Probleme
Nitsche: Mit welchen Problemen wird China in Zukunft selbst zu kämpfen haben?
Wuttke: Die Wirtschaft dümpelt vor sich hin. Früher kam ein Fünftel des Wirtschaftswachstums durch Immobilienhandel und das Bauen. Das ist eingebrochen. Die Immobilienkrise ist gigantisch. Das lastet auf dem Land, die Leute sind frustriert. Denn das ist für die meisten die Altersversorgung gewesen. Das Zweite ist, man hat Überkapazitäten und es wird nicht mehr so viel investiert. Alle Hochgeschwindigkeitszüge sind gebaut, man hat den besten Flughafen der Welt und so weiter. Und das dritte Problem ist der Konsum. 900 Millionen Chinesen kriegen gerade mal ein Einkommen von 10 Dollar pro Tag. […] Und gleichzeitig wird das Einkommen sinken, aber die Leute werden älter und kränker werden. Wie das zu stemmen ist, ist eine riesengroße Problematik in Peking.
Nitsche: Wird uns zu viel Angst gemacht vor China?
Wuttke: Die Projektion ist einfach so, dass wir Angst vor China haben, weil wir momentan selbst schwach sind. Das sollten wir als Ansporn nutzen, um uns selbst wieder fit zu machen, damit wir wieder mit China halbwegs auf Augenhöhe sind. Dann brauchen wir auch keine Angst haben.
Nitsche: Vielen Dank für das Gespräch.
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