Ukrainische Drohnen treffen zum zweiten Mal in einer Woche Moskaus Ölraffinerie. Präsident Selenskyj kündigt per WhatsApp-Sprachnachricht an: Wenn Putin den Krieg fortsetze, werde man "nicht still dasitzen". Wenn die Ukraine brenne, werde auch Moskau brennen. Dahinter steckt mehr als Rhetorik: Die Ukraine hat mit dem Marschflugkörper "Flamingo" eine Eigenentwicklung in Dienst gestellt, die bis zu 3.000 Kilometer weit reicht. Gustav Gressel, Militärexperte an der Landesverteidigungsakademie Wien, sagt im BR24-Interview, warum diese Angriffe Putins verwundbarste Stelle treffen und wie groß das Atomrisiko wirklich ist.
BR24: Ist der "Flamingo" die Wunderwaffe, auf die die Ukraine gewartet hat?
Gustav Gressel: Nein, aber er schließt eine Lücke, die dringend geschlossen werden musste. Die Ukraine muss Russlands Rüstungsindustrie und strategische Infrastruktur angreifen, um nicht in einen zu großen materiellen Nachteil zu geraten. Westliche Systeme wie Storm Shadow haben dafür nicht die Reichweite, und seit dem US-Rückzug gibt es in Europa kaum Marschflugkörper mit mehr als 300 bis 400 Kilometern. Den Flamingo kann man sich nicht einkaufen, man muss ihn selbst bauen, skalierbar und auf Basis kommerziell verfügbarer Komponenten. Genau das hat die Ukraine getan.
Putins wunde Stelle: Der Krieg kommt nach Moskau
BR24: Selenskyj sagt: Brennt die Ukraine, brennt Moskau. Hat er die Mittel, das einzulösen?
Gressel: Das kommt darauf an, was man unter "Moskau brennt" versteht. Eine Raffinerie in Brand setzen zu können, hat die Ukraine bereits bewiesen. Einen Flächenbrand auszulösen ist weder Ziel noch Aufgabe. Das eigentliche Signal ist: Es gibt keine Immunzone mehr. Wer gut durch Moskaus Flugabwehrgürtel kommt, hat damit auch bewiesen, dass er durch die dünneren Gürtel um Putins Privatresidenzen in Waldai und Sotschi kommt. Das stellt implizit auch die Route ins Fenster, Dinge anzugreifen, die Putin sehr nah am Herzen liegen.
BR24: Was macht das politisch mit Putin – und mit der russischen Öffentlichkeit?
Gressel: Es zerstört das Bild, das Putin sorgfältig aufrechterhalten hat: dass der Krieg die Moskauer nichts angeht. In den großen Städten wird kaum rekrutiert, Mobilmachungsgerüchte werden sofort dementiert; Putin will das urbane Protestpotenzial schlafend halten. Eine brennende Raffinerie im Stadtbild, Treibstoffrationierungen in Moskau zum ersten Mal überhaupt: Das widerspricht der Erzählung, die Spezialoperation laufe nach Plan. Die Ukraine erhöht damit den Druck auf Putin, zu Bedingungen in Verhandlungen zu treten, die nicht seinen Maximalforderungen entsprechen.
Im Video: Rüstungswunder Ukraine – Sieg oder Risiko? Possoch klärt!
Die Logik hinter Russlands Gegenschlägen
BR24: Putin schweigt auffällig. Droht jetzt ein massiver Gegenschlag auf Kiew?
Gressel: Ich erwarte einen weiteren schweren Angriff auf Kiew, aber nicht primär als Vergeltung. Russland sieht seine Luftkampagne als wichtigstes verbleibendes Druckmittel: Die Landoperationen kommen kaum voran, der erhoffte Durchbruch durch den ukrainischen Festungsgürtel ist für dieses Jahr unwahrscheinlich. Was bleibt, ist der Angriff auf Großstädte, um die ukrainische Bevölkerung zu ermüden. Das politische Framing als "Vergeltung" kommt obendrauf – das Ziel ist dasselbe.
BR24: War das westliche Tabu, keine innenpolitische Destabilisierung Russlands zu riskieren, ein Fehler?
Gressel: Die Ukraine hat dieses Tabu nie unterschrieben. Biden und Scholz haben es beschworen, auch als Begründung, keinen Taurus zu liefern. Die Ukrainer haben immer dagegen gehalten: Ohne Druck auf Moskau verheizt Putin seine ländliche Bevölkerung einfach weiter, und passives Verteidigen erschöpft die Ukraine schneller als Russland. Die Kursk-Offensive war ein erster Versuch, den Krieg nach Russland zu tragen, aber die russische Peripherie ist Putin egal. Drohnenangriffe auf Moskau und Petersburg erzielen mehr Schockwirkung, ohne ukrainisches Personal zu exponieren.
Atomrisiko "unter zwei Prozent"
BR24: Putin lässt Oreschnik-Raketen abfeuern, die auch nuklear bestückt werden können. Wie real ist das Atomrisiko jetzt, wenn Putin immer mehr in die Enge getrieben wird?
Gressel: Es ist leicht gestiegen, seit die Biden-Regierung nicht mehr mit einem konventionellen US-Kriegseintritt drohen kann. Aber von fast null Prozent gestiegen zu sein, heißt noch nicht viel. Ein taktischer Atomschlag würde Russland militärisch kaum helfen: Ukrainische Verbände sind durch die Drohnenbedrohung so stark dezentralisiert, dass eine Atombombe maximal ein Bataillon träfe.
Russland hat in diesem Krieg bereits mehrere Städte konventionell zerstört; die Ukraine hat nicht kapituliert. Atomwaffen auf zivile Ziele hätten denselben Effekt. Ich schätze das Risiko auf unter zwei Prozent. Und selbst wenn es steigen sollte: Der Westen hat Instrumente, um es einzuhegen: Satellitenüberwachung, direkte Kanäle, Abschreckung. Das muss nicht die Handlungsmaxime sein, die über allem steht.
BR24: Danke für das Gespräch.
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